<< Ungeschnitten und unbearbeitet >>
Olafs Saga - Woche 1
In einer Stadt von Helden, Kriegern, Magiern und Königen muss es auch jemanden geben, der nach den Siegen den Müll wegräumt. In Blothgard ist das Olaf Heringstrypar, Unterster aus der wenig beachteten Sippe der Schuttabtransporandir – und dies ist seine Geschichte ...
Blothgard, 29. Fralt, 15 n. E.
Manfred ist ein Ochsenarsch.
„Komm mit nach Blothgard“, hat er gesagt. „Musst da nicht mehr den Heringswürger machen, für den aufgeblasenen Jarl“, hat er gesagt. Alle werden wir Krieger und große Viking-Fahrer. Und jetzt hocken wir hier und es ist kalt und diese Lonakati, oder wie auch immer die heißen, können keine anständigen Häuser bauen, weil’s bei denen sonst viel zu heiß ist, und grade kommt der Fischwämser rein und drückt mir 'ne Schaufel in die Hand und sagt, wir sind jetzt die Dreckschieber. Weil, Helden gibt’s schon genug, aber es muss wer saubermachen.
Hätt‘ ich bloß auf meine Mutter gehört. Heringe konnt‘ man wenigstens im Warmen würgen. Und gegen diese wasserlosen Latrinengänge, die die hier unter den Straßen haben, hat das Fischöl gar nicht mal so schlimm gestunken.
Manfred ist ein Ochsenarsch. Und nur der Käpt’n, weil er’s als einziger mit Witwe Rauhzahn ausgehalten hat, der wo das Schiff gehört.
Na, drauf gefischt. Schauen wir mal, was es in dieser neuen Stadt zum Schippen gibt ...
Blothgard, 30. Fralt, 15 n. E.
Diese Stadt ist einfach zu verdammt groß.
Du gehst raus aus der Tür, und die Straße runter sind nur Häuser. Keine Wiesen, Ställe, Gärten – nur Häuser. Und dann, die Straße dahinter: Mehr Häuser. Und die anderen drei danach: Noch mehr Häuser.
Wenn’s wenigstens richtige Häuser wären. Stämme aufgelegt, Tür und Fenster reingeschlagen, Dach drauf – fertig. Aber die hier ... höher als Bäume. Drei, vier Fenster, in Reihe nach oben.
Wald, ja. So fühlt es sich an. Wie ein Wald aus Fenstern. Nur heller. Sie sagen, die Stadt wäre seit zwei Jahren verlassen, aber die Wände sind immer noch so weiß. Erik – Erik ist mein Kumpel ... also, ich schreib‘ das ... ich muss das hier schreiben. Dass ich nicht durchdrehe. In der richtigen Welt ist Erik mein Kumpel, und das Meer ist gleich hinter dem Dorf und Bäume sind höher als Häuser und nicht umgekehrt.
Also, Erik hat mir heute gesagt, er hätte mit seiner Schaufel die Wände aufgekratzt, dass man die roten Steine unter dem Weiß sieht. Dass die Stadt ein bisschen Farbe kriegt. Rot, na das passt zu uns.
Und alles sieht so gleich aus. Wir schippen die Straßen frei – die meisten Häuser stehen noch, aber ein paar eben doch nicht, und natürlich fallen sie auf die Straße zusammen. Nicht überall, nur auf ein paar Wegen. Zwischen den Orten, wo die anderen Gruppen sich eingenistet haben. Und ich schippe, und schippe und schippe, und auf einmal kommt Manfred vorbei, und sagt mir, toll gemacht, aber das wäre eigentlich die andere Straße gewesen. Und ob ich nicht noch’n paar Stunden da weitermachen will, wo ich das hier doch so toll gemacht habe.
Manfred ist ein Ochsenarsch.
Blothgard, 31. Fralt, 15 n. E.
Heute ging’s zur Mauer. Manfred meinte, einer von denen Jarls hier hätt’ doppelte Ration Met versprochen, wenn wir die Rampe fertig kriegen. Also ab zur Mauer und drauflos geschippt. Und ich dachte, die Häuser hier wären riesig ...
Wir sind ja nachts angekommen, damals, Hab gedacht, da wär’ne Klippe, als wir durchgefahren sind. Von wegen - das ist alles Handarbeit. Die armen Teufel, die das damals ham’ hochziehn müssen ... naja. Breit genug, dass man mit’m Karren drauf fahren könnte, und genau das wollen die machen. Weil, genug um die Mauer zu halten sind hier noch lange nicht, also stellen sie nur an jeden großen Turm Krieger hin. Und dazwischen ist die Mauer immer noch der beste Weg. Nur Rampen hoch gibt es keine. Also mussten wir ran.
Dazwischen bin ich mal hoch. Am Turm waren ein paar von den anderen Sippen hier - sonst sieht man ja keinen. Krieger, keine Hörigen wie wir. Seltsames Volk auch. Ein paar sahen normals aus, die waren von einer Wolfs-Sippe, mit einem Jarl Jorbel oder sowas. Die anderen sahen aus wie reiches Talvolk, mit buntem Wams und langer Gugel und so. Keine Ahnung, woher die kamen.
Aber rumgetönt haben sie. Dass das hier jetzt eine neue Stadt wird, vom Pakt. Für Heldentaten und Sagas und sowas. Heldenstadt, ja, so haben sie’s genannt. Ich meinte, vielleicht bräucht’ man hier mal weniger Helden, mehr Arbeiter und Bauern, aber da haben sie nur gelacht. Arbeiter-und-Bauern-Stadt, das klingt nach nix, meinten sie. Trotzdem, meinen Met haben sie genommen.
Rampe war nicht mal im Ansatz fertig, am Abend. Stellte sich raus, den Met gibt’s erst, wenn sie fertig ist - so viel haben sie hier dann doch nicht. Also morgen nochmal ran. Hat Manfred natürlich vergessen zu erwähnen.
Manfred ist ein Ochsenarsch.
Blothgard, 1. Eismond, 15 n. E.
Heute mal ein wenig Zeit gehabt, unser Lager anzuschauen und was besser zu machen. Wir haben uns eines von diesen komischen, weißen Häusern, die wie riesige Kästen gebaut sind, geschnappt. Aber nicht richtig, weil, bei unserem sind die oberen Stockwerke eingestürzt. Erik meinte, so, wie’s jetzt ist, ist es sogar stabiler als vorher, weil nix mehr weiter runterkrachen kann - na, wenn er meint.
Wir haben Löcher in die Decke geschlagen, dass der Rauch abziehen kann, und Häute vor die Risse in den Wänden gespannt. Ist eigentlich ganz gemütlich, so, fast wie in einer Höhle. Nur mit weniger Grünkram. (Komisch, eigentlich - die Stadt soll seit fast zwei Jahren leer sein, aber so richtig wächst hier nix. Krabbelt auch nur wenig rum. Seltsam.)
Gibt wohl viele solche Haus-Lager in der Stadt. Hab mal mit den anderen Gruppen an der Mauer gequatscht, und die sagen, die machen’s genauso. Große Häuser gibt’s auch, richtige Paläste, aber da kommen nur die Breitbärte rein, die Wichtigtuer. Hier ist man nichts, wenn man nicht mal in der Schlacht war, oder an der Mauer stand. Mach ich natürlich nicht, bin ja nicht blöd, ich will meine Arme behalten. Hab ich den Kriegern an der Mauer gesagt, und die meinten, von wegen, bei uns muss jeder mal auf die Palisade. Dann hat der mit den komischen Ohren dem mit dem Fell gesagt, das wär’ ja wohl glatt gelogen, und auf dem Feldzug hätten die alle verschlafen - worauf der ihm dann eine gelangt hat. Keine Ahnung, worum es da ging.
Arbeit geht voran, die Rampe wird hoffentlich bald fertig. Wenn Manfred nicht wieder vorbei kommt und Befehle gibt. Ich hab ihm gesagt, der Haufen hält nicht ohne Stützen, aber er wollt’ ja nicht hören.
Manfred ist ein Ochsenarsch.
Blothgard, 2. Eismond, 15 n. E.
Arbeit geht voran. Wir hatten heute sogar mal Zeit, auf den Markt zu gehen.
Zeit braucht es dafür auch - die Stadt ist einfach so groß. Man geht eine Meile, nur um andere Menschen zu sehen. (Oder Manfred, der Fischwämser, hat uns ans falsche Ende hier gesetzt; ich würd’s ihm zutrauen.) Aber was für Leute man dann sieht - hätt’ ich im Leben nicht gedacht, dass es sowas gibt.
Der Markt ist auf einem himmelweiten Platz, mitten in der Stadt. Rundrum Häuser, und dazwischen haben sie für ein ganzes Kornfeld Steine auf den Boden gelegt. Ein Feld aus Pflastersteinen. Und darauf grad’ mal so viele Buden, dass es die eine Ecke füllt. Man sieht noch, woraus sie gemacht sind - Schiffsplanken, Zeltstangen, Palisadenwänden - aber ansonsten könnte es bunter nicht sein. Da ist eine, die verkauft die Messer, die sie hier in den Häusern finden (gutes Kupfer, und ganz billig), die hat so bunte Flecken im Gesicht, und sagt, sie wär’ne Fee. Der Kerl, der die Brote hat, ist zwei Kopf größer als ich, hat Streifen im Gesicht und auch bei dem kalten Wetter kein Hemd an. Stoffe gibt’s, bei so ‘nem Burschen mit ganz spitzen Ohren, wie ein Svartalf, aber breiter. Und an dem einen Stand, da hat so eine kleine, dicke im Kleid ganz seltsame Frucht, lang und krumm und Gelb. Meinte, sie hätt dafür ‘n ganzes Rudel haariger Mannaka knuddeln müssen, aber wissen die Götter, was das heißen soll.
Hab mich da auch mal mit ein paar Söldlingen unterhalten, die hier irgendwo lagern. Meinten, sie hätten eine ganze Gilde dabei. Und die haben mir gesteckt, dass der Brunnen, wo wir das Wasser holen, gar kein Brunnen ist. Sondern eine “Tsis-Sterne”, was auch immer das sein soll. Die geht auf jeden Fall irgendwann aus! Kein Wunder, dass wir immer tiefer schöpfen müssen. Hab ich Erik gesteckt, als ich wieder da sind, und wir haben das Manfred gesagt. Na, und der meinte, er hätt’ das schon gewusst, wär’ nix dran zu machen, und ob wir morgen nicht mal runter zum Fluß gehen wollen, ein paar Schläuche und Eimer füllen.
Manfred ist ein Ochsenarsch.
Blothgard, 2. Eismond, 15 n. E.
Heute Morgen runter zum Fluß. Oder was die hier Fluß nennen.
Gerade, wo ich mich daran gewöhnt hatte, dass hier alles zu groß ist, ist der Fluß natürlich zu klein. Ha, zu Hause würden wir’s eher ‘n breiten Bach nennen - na gut, Boote passen drauf. Immerhin. Aber trotzdem - da kann man ja drüber spucken! Sieht auch merkwürdig aus. Tief drin im Bett, und rings die Böschung ist steil und ohne Pflaster oder Mauern. Früher war da wohl mehr Wasser - das wär’ dann auch ein ordentlicher Fluss gewesen.
Aber grün ist es da, die Böschung lang und auf den Bänken und Inseln. Liegt wohl an der Trockenheit, dass hiert nichts richtig wächst. es ist einiges los, da. Fühlt auch sich an wie eine richtige Stadt - überall Leute. Man kann rumgehen, Wasser schöpfen, mal mit wem reden - sogar Hausboote haben sie, und kleine, schwimmende Läden. Viele Fjordleute auch - unsere Kähne sind flach genug, dass wir diesen Mickerfluß raufkönnen, und darüber schaffen sie die meisten Sachen in die Stadt, solange die Straßen noch nicht frei sind. Fühlt sich gut an, mal was anderes zu sehen als Schutthaufen und Wände.
Geb’ zu, ich hab mich für den Vormittag zu so einer Sippe aufs Boot gelegt. Die hatten Met und Fleisch und auch ein paar Würfel - man kann ja nicht den ganzen Tag Schutt schaufeln. Hab’ zwischendrin mal ganz unschuldig gefragt, wie denn nun der Fluß heißt - Gottschiet, das war vielleicht ein Fehler. Hat wohl irgendeinen Namen in der Sprache von den Alten hier, den aber natürlich keiner aussprechen kann. Und jetzt braucht’s einen neuen, für unsere neue Stadt. Na, und da steht so eine auf und redet und redet, hört gar nicht mehr auf, dass das hier unbedingt “Soffra” heißen muss, weil, das war ‘ne ganz wichtige, ne große Kämpferin, mindestens drei Sagas wert, ehrlich, und was die alles getan hat, und wie toll die war, und dass wir da auf jeden Fall unserem Jarl Bescheid geben müssen, dass der den Oberjarlen sagt, dass die unbedingt ... na, und so weiter. Da bin ich dann doch mit den Schläuchen zurück zur Mauer. Was ein Gewese die hier um ihre Soffra machen. Hat mal einen erschlagen, und jetzt ist sie ‘ne Valkir.
Wasser reicht natürlich nicht - Manfred, der Ochsenarsch, hat unsere sechs Schläuche gleich noch zwei Trupps versprochen, die an der Mauer lagern. Muss ich morgen wieder runter. Aber wenn sie dann nochmal anfangen mit ihrer Soffra, dann sage ich denen mal, wo sie sich die hinstecken können, diese Kuh.
Blothgard, 3. Eismond, 15 n. E.
Au.
Au.
Aua.
Merk ich mir für die Zukunft: Kein Schiet über Siofra reden. Und ihren Namen richtig sagen.
Au.
Der Heilari hier sagt, ich soll weiter schreiben, dass ich wach bleibe und meinen Kopp in Bewegung halte. Wenn ihr wieder wegdämmer' , könnt er für nix garantiern, meint er. Also weitermachen.
Fing eigentlich alles ganz harmlos an. Morgens wieder runter zum Fluss, Boote gucken, mit den Leuten bißchen reden, schaun, ob man was zu Rauchen oder zu Trinken abkriegt. Na, und irgendwann ging's dann wieder los, was der Pakt so toll ist, was wir noch alles machen werden und was Siofra für 'ne Große war. Da hab ich vielleicht so ein bißchen was gesagt, dass man da auch nich übertreiben soll. Gut, etwas schärfer, vielleicht.
Na schön, könnt' auch sein, dass ich was von "diese Soffra hängt mir langsam zum Hals raus" und "wie toll kann eine schon sein, die samt Schwert nach der Schlacht abgetreten ist", gesagt hätte .... aber nur ganz leise, ehrlich. Und ab da gings bergab. Wortwörtlich - nach dem ersten Schlag stand ich noch, aber mit dem zweiten ging's die Böschung runter. Und unten waren noch mehr - die haben dann richtig zugelangt. Der Heilari, so'n komischer Kerl von ganz weither, meinte, wenn ich nich in den Fluß gefallen wär', wär's übel ausgegangen.
Haben mich später rausgezogen und hierher verfrachtet. Irgendwo in der Oberstadt. Mehr Gärten und so Säulen mit Dächer drauf, weniger baumhohe Häuser mit kleinen Fenstern. Gärten sind trotzdem ziemlich vertrocknet. Und so klein ist das hier auch nicht - das geht noch ewig viele Flure weiter. Die haben hier eine echte Siechenhalle gebaut (nur ohne viele Sieche, noch, jedenfalls), mitten rein in so'n ganz edles altes Jarlhaus. Seltsames Volk - in schwarz und mit 'nem halbvertrockneten Baum auf dem Schild. Irgendwelches Zaubervolk, wohl. Ogosh, sowas. Haben mir 'nen Wisch in die Hand gedrückt, als ich aufgewacht bin, waren ganz verwirrt, dass ich den tatsächlich gelesen hab'. Stand ne menge Zeug drauf, aber da war was mit 'Einverständniserklärung in weitere, explorative Sektionen unter Einwirkung verschiedener experimenteller Therapien' und da hab ich gesagt, nee nee, macht das mal ohne mich, ich brauch nur was für mein Kopp. Da waren's ganz vernünftig, haben nur die Flecken eingeschmiert und mir gesagt, ich soll ruhig bleiben, aber trotzdem wach.
Erik war da. Meinte, ich hätt mich da echt in den Schiet gesetzt. Die Siofra, die ist sowas wie die Hausgöttin hier, und da verstehen sie keinen Spaß. Manfred ist grad dabei, die Wogen zu glätten - kann nicht sagen, dass mich das beruhigt. Aber die Prügel sind wohl nur 'ne Anzahlung - da muss ich noch mehr abdrücken. Am Albenarsch. Ich halt ab jetzt meine Klappe. Immerhin, wenigstens hier scheint das keinen zu jucken. Der Heilari, der Braune, meinte, dass sich hier alle naslang die Leute in die Haare kriegen wegen irgend so etwas. Ihm ist's gleich, er flickt zusammen, was auf den Tisch kommt. Hab' Erik gesagt, er soll was Silber aus meinem Beutel nehmen, für die hier. So muss ein Wundflicker sein.
Manfred kam rein, aufgeblasen wie ein Wetterdrache. Er hätt das geregelt, meinte er. Ich könnt' von Glück sagen, dass ich ihn haben täte ... da hab ich ihm natürlich gesagt, erstmal ausspucken. Na, und da kommts raus: So leicht komm ich da nicht weg. Die mich verwämst haben, die kommen frei raus, natürlich, aber obendauf krieg ich noch was ab. Scheint's, weil hier das Wasser nicht so recht fließt, ist denen ihre Latrine verstopft. Weil, hier hat es ja unter den Straßen richtige Höhlenbäche, gemauert, für alle Latrinen. 'N ganzes, unterirdisches Wassernetz. Nur ohne Wasser. Darum stinkts. Und jetzt kommts, da muss also wer runter. Sehen, wo's hakt und den Weg freimachen. Götterverfluchter Drecks-Albenkackmist aber auch, natürlich bin das ich. Und noch ein paar andere, arme Teufel. Morgen geht es los. Runter, in diese "Kanalizion", Scheisse schubsen. Und Manfred grinst und meint, da wär ich ja nochmal davon gekommen.
Asatyrs Bart, Manfred ist wirklich sowas von einem Ochsenarsch.
Olafs Saga - Woche 2
In einer Stadt von Helden, Kriegern, Magiern und Königen muss es auch jemanden geben, der nach dem Bohnen-und-Zwiebeln-Fest den Abfluss freimacht. In Blothgard ist das Olaf Heringstrypar, Unterster aus der wenig beachteten Sippe der Schuttabtransporandir – und dies ist seine Geschichte ...
Blothgard, 5. Eismond, 15 n. E.
Ich und meine große Klappe.
Klar, im Pakt sind die Sitten lockerer. Hier muss man nicht vor jedem Jarl oder König 'nen Kratzfuß machen, und wenn einer einen blöd anmault, mault man halt zurück, auch wenn der auf 'nem Pferd sitzt und 'n komplettes Eisenzeug anhat. Aber manche Sachen lassen sie dann doch nicht mit sich machen. Schiet reden über ihre Siofra, das gehört dazu. Da endet man dann im Abflusstrupp.
Aber nicht nur deswegen, anscheinend. Wir sind zu viert. Franni* wurde von ihrem Herrn freiwillig gemeldet, von der Söldnergilde, aber da will sie nicht drüber reden. Baggo** ist eigentlich ganz in Ordnung, für einen Zwerg, aber 'n bißchen zu schnell mit der Hacke bei der Hand, wenn's Streit gibt - der Krieger, der ihn gebracht hatte, meinte, 's wär wohl nur Glück gewesen, dass es kein Mord war. Und Zug*** ... naja. 'Ne Schwarzblut halt. Hat wohl einen gebissen, der da nicht gebissen werden wollte. Sagt nicht viel, aber guckt immer.
* Das heißt Francesca, du nordländischer Simpel!
** Bargomosch, Sohn von Baradosch
*** Z'gurushka ... das solltest du dir besser merken. Orks mögen es nicht, wenn man ihren Namen falsch ausspricht.
Da, genau das mein ich. Südländer ... alles Diebe. Ich halt das hier besser gut unter Verschluss, wenn wir jetzt losgehen.
Nicht gut genug.
Fischkacke! Muss es irgendwo unten gemopst haben. Wir sind gerade das erste mal in diesen Latrinengängen gewesen. Noch nicht zu weit - gibt keine Karte, und ganz so mies sind die dann doch nicht, dass sie uns auf gut Glück ins Dunkel schicken. 'S ist aber auch so schon verzwickt genug. Ich hätt' nicht gedacht, dass es so viele Gänge sind. Echt verwirrend, aber Franni* sagt, dass es eigentlich ganz einfach ist. Hoffe, sie ist wirklich so groß, wie sie rumtut** - morgen geht es tiefer rein. Das geht auch wirklich einmal quer durch diese ganze Stadt - und die ist riesig, falls ich das noch nicht geschrieben hab.*** Gutes Mauerwerk - wär gar nicht mal so schlecht als Metkeller, wenn's hier drin nicht so scheulich stinken würde. Die haben uns gesagt, dass das Wasser eigentlich höher stehen sollte - jetzt grade fließt nur 'n dünner Bach in der Mitte - und dass es deswegen überall verstopft ist. Na, und wir sollen das finden, und freimachen, solange sie nicht rausgekriegt haben, wo das Wasser hin ist. Scheißarbeit.
* Blöder Nordländer
** Ist sie, keine Sorge
*** Hast du. Ich hab nachgelesen
Und - große Venus Cloacina! Du hast Siofra beleidigt? Sei froh, dass du nur hier bei uns bist, statt mit dem Gesicht nach unten im Flußbett. Obwohl ich dich dadurch am Hals habe.
Verdammte südländische Elster!
Blothgard, 6. Eismond, 15 n. E.
Heute sind wir tiefer rein. Da unten ist es noch verworrener als in den Gassen oben drüber. Nichts als grade Gänge, einer genau wie der andere. Jeweils nach vierzig Schritt eine Kreuzung, dann geht es weiter. Nur der Fluss bricht das einigermaßen auf - wo der fließt, haben sie fast nicht gegraben, also brechen die Wege manchmal plötzlich ab. Und es gibt noch zwei große Kanäle - fast wie Flüsse, unter der Erde, nur ohne Wasser jetzt. Die sind schön übersichtlich, sogar mit Licht.
Anonsten ist's da unten duster wie auf zwölf Faden unter dem Meer. Wir sind zwar mit Fackeln los, aber mit den komischen Ausdünstungen da unten ... Baggamosch*, der Zwerg, meinte, das ist nicht sicher, das könnt' Feuer entfachen. Und dass es dafür was gäbe, 'ne Lampe mit Gitter drum. Hatten wir natürlich nicht - aber über Mittag zieht Franni Francesca! los, und kommt mit genauso einer zurück. Will gar nicht wissen, wie sie das gemacht hat**. Damit schauen wir uns das nochmal an.
* Es wird ja. Nur weiter so - dann brauchst du irgendwann keine Knieschoner mehr, wenn er das liest.
** Berufsgeheimnis der Söldnergilde.
Ich brauch' eindeutig 'ne Truhe mit Schloss!* Nu, mit der neuen Lampe ging's ganz gut - man sieht so einigermaßen weit. Langsam verteh' ich auch, wie das hier gebaut ist. Wie so 'ne riesige Spieltafel mit lauter graden Linien, einmal quer über die Stadt gelegt. Ein paar Risse drin, allerdings. Auch die Wände hier sind nicht so glatt, wie ich zuerst gedacht hat - hie und da sind da schon ein paar ordentliche Kratzer. Noch hält's aber. Grad unter der Oberstadt sieht man auch immer wieder Löcher, die führen in richtige Höhlen oder in die Katakomben. Franziska** wollte rein, aber wir anderen waren dagegen - diese ganzen Hexer und das Zaubervolk haben da ihre Lager, und wer weiß, was die da drin ausbrüten!***
Ist ohnehin 'n bißchen unheimlich hier unten. Man hört Stimmen, von oben, Echos, aus den Gängen, und die ganze Zeit so ein Kratzen und Knirschen. Die Schatten von unserer Lampe flattern auch die ganze Zeit durch die Gegend ... ich denk manchmal, hier unten beobachtet uns irgendwas.****
Unsere Arbeit wird hier auch noch richtig dreckig. Wir haben 'n paar verstopfte Stellen gefunden, und die sind schon ziemlich übel. Nicht nur das Zeug aus den Latrinen, auch Schutt und Stallmist, Unrat und Zerbrochenes. Alles schon verklumpt und verkeilt. Muss wohl liegen geblieben sein, als das Wasser weggeblieben ist. Keine Ahnung, wie wir das loskriegen sollen, ohne uns ordentlich einzusauen.*****
* Würde dir auch nichts helfen.
** Also, jetzt machst du das doch mit Absicht.
*** Feiglinge! Da sind nur ein paar alberne Kuttenträger, die sich vor der Sonne verstecken, und ihre Nase zu tief in die Bücher tauchen.
**** Das könnte man manchmal wirklich glauben. Auf dem langen Kanal hätte ich geschworen, da wäre ein fünfter Schatten an der Wand ... vielleicht treiben die Fuchtler doch es doch übler, als ich gedacht hatte.
***** Nur keine Sorge, Langbein, der alte Bargomosch (lern das mal) hat da schon ein Rezept.
Verdammte Elstern! Jetzt beklaut mich schon der Zwerg. Aber gut zu wissen ...
Blothgard, 7. Eismond, 15 n. E.
Heute Morgen haben wir zum ersten Mal richtig geschuftet. Na, zumindest haben wir es versucht. Bargomosch* meinte, das alles hier wär' eigentlich für viel mehr Wasser gedacht, besonders an den Engpässen; dass man ordentlich Druck drauf machen muss, damit es sich legt. Nichts, was besonders schön wäre, aber wir kommen voran. Bis Mittag zumindest, dann brüllt uns so ein verdammter Krieger mit Pelz und Leder** aus unserem Loch. Scheint's, sein Jarl oder Häuptling oder was auch immer hätt' da ein dringendes Problem - aber nicht so dringend, dass wir nicht doch vorher nochmal mit dem Eimer abgespült werden.
Stellt sich raus, der ist einer von den Breitbärten, die sich in den großen Häusern einnisten dürfen. Hab' sowas heute zum ersten Mal von innen gesehen - das ist schon was. Säulengänge, so Bilder aus kleinen Steinchen im Boden und 'n Garten. Im Haus. Will gar nicht wissen, woher er das Wasser hat. Wie's aussieht ... naja, die alten Völker hier hatten eine ziemliche Vorliebe für Rot und Gelb, an den Wänden. Nicht so schlecht, aber nach einer Weile wird's langweilig. Sie haben ein paar ordentliche Felle auf den Boden gelegt, Hängematten gespannt und Schildhalter an die Mauern gehämmert - damit geht's. Und das Problem - ich hätt's nicht geglaubt, hätt ich's nicht gesehen. Ein Schietstall im Haus. Sowas ist echte Südländer-Weichheit.*** Nur, dass es eben nicht mehr weggeht, das Zeug, und das Haus ganz erbärmlich stinkt davon. Kommt, wenn man so Sperenzchen macht - 'ne gute Latrine kann man einfach woanders graben, wenn sie voll ist. Aber das ... tja, da standen wir nun da.
* Na, geht doch.
** Hatte einen guten T'rongo, das Rotblut.
*** Es war zu erwarten, dass ihr Barbaren hier so etwas nicht zu würdigen versteht. Aber nach ein paar Jahren Zivilisierung hier wisst hier die hygienischen Verhältnisse hoffentlich zu nutzen ... für meine arme Nase.
Schreibt mir jetzt eigentlich jeder rein?! Wisst ihr was - drauf gefischt. Kritzelt halt, wie ihr wollt!
Na, wenn er das sagt ...
Wir sind auf jeden Fall erst einmal in die Cloaca und haben die Lage inspiziert. Durchaus bedenklich - der Unrat hatte sich genau an dieser Stelle erschreckend stark und abscheulich wirksam geballt. Ich hieß die Mannschaft an, dem Feind mit Hacke und Mut zu Leibe zu rücken, aber man revoltierte gegen meine Führerschaft!
Und besser war das, denn mit diesem Anfänger-Gepfusche hätten wir uns nur selbst in die Scheisse gebuddelt. Aber zum Glück für euch Langbeine sind die Ausdünstungen hier schön reich an Schwefel und feurigem Brodem.
Ich hab gesagt, keine gute Idee. Aber Bartmann wollte nicht hören.
Hat doch gewirkt, oder nicht? Und unsere selbsternannte Vorfrau hat es ja auch erlaubt.
Ich war vielleicht schon ein wenig verzweifelt, an diesem Punkt. Und was heißt hier "selbsternannt"?
'S wird jetzt aber wirklich zu viel. Nach so'nem ewigen Hickhack hat der Zwerg komische Schnüre gelegt und was Pulver verstreut. Dann sind wir wieder rauf, um das von da zu Ende zu machen - und um dem Jarl zu zeigen, was wir können, wenn gleich sein Schietstall wieder frei ist. Dann hat der Zwerg Brand dran gelegt, und dann ... dann wurde es laut.
Und braun. Nicht schön.
Ekelhaft war das. Es hat die halbe Toilette zerissen - zum Glück konnte ich mich hinter dem Nordmann verstecken, so dass ich nichts abgekriegt habe.
Vielen Dank auch dafür. Aber das Mieseste war, dass die Wand von dem Ding nicht so stark war. Hat's glatt umgerissen. Und dahinter 'n Zimmer vom Nachbarhaus. Steht drin: 'N ganzes Rudel von echt wild aussehenden Kerlen und Weibern in Kette, Leder und Stacheln an komischen Stellen, mit Tätowierungen obendrauf. Rundrum um so einen Steintisch, auf dem'n Mädchen liegt. Alle gucken uns an - und der Obermotz von denen hält noch das Messer in der Hand.
Da kritzelt ihr auch nix mehr, hm?
War schon eine Überraschung, das muss ich sagen.
Conditio exkreta, wie der Magier sagt.
Pah. War Stachelleder nicht für Schlacht, für Haut zeigen. Immerhin - hübsche Haut. Große Mh'Ops'paar.
Blothgard, 8. Eismond, 15 n. E.
Also kein Schiet, da stehen wir, die Hände noch in der Luft, die Gesichter voll mit Staub, Dreck und Weißnichtnochalles und glotzen auf das Bild da vor uns. Die Schwarzblut, Zgurrdingens* hat plötzlich, ich weiß nicht woher, so'n langes Messer in der Hand und der Zwerg greift nach seinem Spaten. Francesca** holt Luft, und ich denk mir noch, sag jetzt bloß nix, die verstehen hier bestimmt kein Spaß mit arroganten Südländerinnen - da springt das Mädchen plötzlich vom Opfertisch und faucht uns an, was uns einfällt, ihre Wand kaputt zu machen.
Ich glaub, an dem Punkt hab ich einfach aufgegeben. Ich frag' die ganz direkt, ob das hier doch kein böser Dämonenkult ist, der seinen unheiligen, abscheulichen Meistern was Reines opfern will. Na, eigentlich schon, meint der Kerl mit dem gezackten Messer, aber das hier wär' bloß die Probe. Da sagt Francesca, dann wär' ja alles in Ordnung, und es täte uns leid mit der Wand, wir würden sie gleich wieder aufstellen***. Meint die Kleine vom Opfertisch, das ist nett, und Höflichkeit wär' heutzutage viel zu selten, und ob wir nicht reinkommen und uns erst saubermachen wollen.
Schon ein ziemlicher Tag, das.
*Pah. Ich weiß, Nordmann kann richtig schreiben. Geh, ärger wen anders.
** Na also, geht doch.
*** Als ob ich nicht wüsste, wie man sich benimmt. (Wenn es die Situation erfordert.)
Später, als wir uns abgerubbelt hatten - sie hatten sogar was Wasser für uns übrig - haben wir uns mal 'n bißchen unterhalten können. Deren ihr Chef, der Draghazhur Waisenschächter, Inkarnat der Verzweiflung*, meinte, sie wär'n so ne bunte Truppe, die "Schergen des Schreckens", von überall her, die wegen ihrem Glauben halt nirgendwo hinkönnen.** Und dass sie gehört hätten, dass es im Blutpakt wurscht ist, was man so glaubt und ob der Altar jetzt aus Marmor ist oder aus den zerschmetterten Leibern der Gerechten. Also wär'n se hierher, und tatsächlich hätt' sich auch keiner groß gekümmert,, wie sie aussehen - eigentlich sehen hier ziemlich viele Leute ziemlich viel ähnlich aus. Die waren nur froh, neue Leute zu kriegen, also haben sich einen kleinen Tempel geschnappt, bevor ihn jemand anderes entweihen konnte, und ihr Lager aufgeschlagen. Sie würden uns aber nicht auf das Tableau der Tausend Martern** legen, weil gute Handwerker teuer sind, und sie den Nachbarn versprochen hatten, nicht so laut zu sein. Also haben wir dann wie versprochen, die Wand wieder hochgezogen (so provisorisch halt) und da haben sie uns zu ihrer Abendorgie eingeladen.
* Ach, aber das kriegst du auf Anhieb hin, ja? Seine Freunde nennen ihn Daggi.
** Ihr Glaube an das verfluchte Pantheon von Z'ghurr'ashral, der Stätte der unermesslichen Verdammnis, Schändung der Vernunft und endgültige Verderbnis von allem Guten und Schönen in der Welt, heißt das. Reformiert.
*** Der Küchentisch. Ihr altes Tableau wurde auf dem Weg hierher auf das falsche Schiff geladen.
'S wurde dann noch ein ganz netter Abend. Nachdem sie das Huhn an seinem eigenen Erbrochenen erstickt und alle Anwesenden mit den Gedärmen behängt hatten, sind wir in das Teezimmer und haben noch 'ne Weile geplaudert. Tezkatl-Achtlan der Herzfresser ("Tez") hat mir erzählt, dass sie eigentlich dann im Krieg hier Leute einsammeln und mit ihnen den alten Fleischwolf-Fandango tanzen wollten, aber 'n paar so Feen hätten ihnen wohl erzählt, dass die alle naslang irgendwen umbringen würden, und keinen tät's interessieren, also dachten sie daran, einfach 'n veganes Restaurant aufzumachen und jeden einzukassieren, der beim Essen trotzdem nachfragt, ob da auch wirklich kein Fleisch dran ist (weil, die hätten es verdient). Klingt nach keinem üblen Plan. Die Schwarzblut hat sich noch lange mit Zaxazs, Ka-Erz-Exkruziatrix der Unheiligen Schwesternschaft der Lanzenbrecherinnen von Misandria unterhalten, über Frauenkram, und Francesca und Bargomosch haben mit Daggi und Vomitareus, Auswurf aller Abszesses und Träger der schwarzblutigen Schwären* über Inneneinrichtung gestritten.** Später haben sie mich noch zur rituellen Befleckung aller guten Sitten eingeladen, aber ich war schon müde und hab' mir das Lager zeigen lassen. Wirklich viel besser ausgestattet als meins, aber riecht komisch. Na, ich bin trotzdem gleich rein.
* Das ist der Koch
** Dämliche Langbeine. Du kannst schon mit Blut streichen, aber nach spätestens drei Wochen sieht es nach gar nichts mehr aus. Viel besser ist eine Grundlage aus zerstoßenem Rinderknochen und Melasse, auf die du dann Rotkalklösung aufträgst - das klumpt dann auch in den Ecken. Aber die wollten natürlich nicht hören.
Ihr Magiespezialist, ich glaube er heißt Ur-Shaggharoth Seelenknechter (oder Seelenschinder), er hat dann noch etwas zu mir gesagt, was mich ein wenig beunruhigt hat. Er meinte, da wäre tatsächlich ein fünfter Schatten bei unserer Gruppe - und er würde wachsen. Morgen müssen wir wieder runter ... ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist.
WAS?!!
Blothgard, 9. Eismond, 15 n. E.
Also kein Schiet, da steh ich und hör' dass wir nicht nur wieder runter müssen, sondern auch, dass da wirklich was umgeht. Und zwar hinter uns her. Ob sie noch alle Hörner am Fass hat, hab ich unsere Chefin gefragt - 's ist ja eine Sache, wo hin zu gehen, wo's vielleicht was Gefährliches gibt, aber direkt drauf zu zu rennen? Na, sie hat's abgewischt - wir gehen. Bin dann zu dem Geisterseher von den Schergen, der das gesagt hat, aber Urs konnte auch nicht mehr sagen. Da ist was, und es klebt an uns dran. meinte, wenn wir's einfangen würden, würd' er's uns abnehmen - die zornigen Seelen der Toten liefern wohl 'n guten Preis, da, wo er her kommt. Sehr komisch, natürlich - wie bitte sollen wir sowas fangen?
* Ja, glaubst du denn, unsere Befehlshaber hören auf eine Warnung von irgendeiner kleinen Söldnertruppe aus der dritten Reihe? Nein, wir haben unverändert Order - wir stellen uns dem Feind!
Mutig. Oder dumm - wir sehen.
Kein verdammtes Gespenst fordert einen Zwerg auf seinem ureigenen Terrain heraus! Wir gehen da runter und wir machen die Tunnel wieder sicher.
Ureigenes Zwergenland ist Kloake?
Dämliches Schwarzblut - du weißt, was ich meine.
Die haben alle einen Knall. Aber gut - dann eben los. Ich habe mir noch Salz besorgt, ein Kupferarmband, ein Yngvi-Amulett (Eisen), drei Stück Rinde vom blitzgespaltenen Baum ... ich geh da unten nicht drauf. Ich nicht.
Drei Stunden, nichts gesehen. Die Schatten sind normal - soweit man das erkennen kann. Wir haben ein paar kleine Klumpen gelöst (wirklich keine schöne Arbeit), aber die großen in Ruhe gelassen. Bargomosch will wieder seine greuliche Brodem-Hexerei ausprobieren, aber Francesca hat's abgeschmettert - gut so, das Letzte, was wir hier noch brauchen können, ist Feuer.
Abergläubischer Unsinn. Das ist präzise Handwerkskunst, Grubengasflämmen. Früher oder später werden wir es ja doch tun müssen.
Nochmal drei Stunden - langsam zerrt's an den Nieren. Wir sind ganz kurz hoch, was essen ( da unten will man nix essen), aber so ein Breitbart hat die Francesca angefaucht, warum immer noch nix fließt. Also wieder runter, tiefer rein. Das Miasma, dass der Zwerg so wundervoll findet, ist hier dichter - wir müssen die Fackeln ausmachen und nur noch die Laterne ist sicher. Die Flamme brennt blau - 's kommt mir vielleicht nur so vor, aber ich denk, die Schatten werden dadurch tiefer.
Kaum noch Zeit zum Anhalten. Weitergehen, Löcher öffnen. Zwerg warnt vor dem Grubenbgas - kein Feuer. Ich werd vielleicht irre, aber ich denk'' immer wieder, ich sehe rote Funken.
Noch tiefer. Selbst das Gluckern ist nur noch ganz dumpf zu hören. Ist da ein fünfter Schatten? Ich könnt's nicht sagen - sie verschmelzen alle in unserem blauen Glühen. Und die Funken ... die anderen sehen auch Funken.
Feuer! Irgendwie ist's Miasma in Brand gekommen. Wir ducken uns in einen Seitenschacht, warten, das es sich ausbrennt. Die Hitze macht einen fertig ... kaum noch Wasser da.
Ausgebrannt. Wir schauen uns das mal an ... das sind keine Kanaltunnel, sind echte Höhlen. Aber behauen. Zwerg meint, hier hätt wer ausgeschachtet. Zeichen an den Wänden ... auch Francesca kennt sie nicht. Und ich denk mir, ich seh Funken.
Feuer. Feu ...
Aus! Aus! Wir sind erledigt.
Ein Feuer - ein Knall, noch viel größer als das in dem Schiethaus oben. Der ganze Berg hat gewackelt. Ich hab mich zur Seite geworfen, Z'gurushka mit. Eine Walze aus Stein und Staub ist an uns vorbei. Die Lampe ist fort, ich habe nur noch eine Fackel. (jetzt ist auch egal). Die Schwarzblut liegt da, stöhnt. Vielleicht was zertrümmert - ich bin kein Heiler. Und selbst wenn, hier ist nichts und wir kommen sowieso nie mehr raus. Nur Steine, soweit ich sehen kann. Kein Ausweg - wir sind erledigt.
Als das Feuer kam - ich hab es gesehen. Ein Körper aus schwarzem Rauch, darunter die Rote Glut. Augen hell weiß, wie die Esse im Schmiedebrand. Zorn ... soviel Zorn. Er hasst uns. Er hasst uns, weil wir leben, uns er nicht - ich weiß es. Uns hier unten, die anderen da draussen, alle, alle da oben - einfach jeden. Rot, rot glühender Hass und bald wird meine Fackel erlöschen ...
Blothgard, 10. Eismond, 15 n. E.
Ich dachte ehrlich, ich verrecke. Kein Licht, keine Luft, kein Wasser. Nur Steine und Staub. Als die Fackel ausging, habe ich mich hingelegt und darauf gewartet, zu Hel zu fahren. Schieb'S auf das Schwarzblut, dass es noch nicht vorbei ist. Ist rüber gerobbt, zerschmettertes Bein und alles, und hat mir ein paar verpasst. Naja. So 'ne volle Orkfaust in die Fresse - da will man dann auch wieder leben. Und sei's nur, um's dem dreckigen Biest zurückzuzahlen.*
Sagte auch, sie hätt was ziehen gesprürt - und tatsächlich, als ich mich da hin gelegt hatte, wo sie war (und ich wieder was riechen konnte, mit der Nase), da war so'n Luftzug. 'N kleiner. Aber was soll's - bin ja aus 'ner Sippe von Schuttschauflern- 'S war ein tüchtiges Stück Arbeit, und 'ne Weile dache ich, es geht nicht mehr, aber dann waren das Loch frei. Führte aber nicht zurück, sondern tiefer rein, in so Höhlen. Gut, was anderes gab'S nicht. Also runter - die Schwarzblut auf'm Rücken (kein schöner Gedanke, die Hauer so dicht im Nacken)**, und auf ging's.
* Versuch doch.
** Pah! Rotblut MOCHTE Orkzahn im Nacken, gib zu.
'S gab Wasser, da unten, einigermaßen brauchbare Luft, und was, wohin man gehen konnte. Ich glaub, der ganze Berg ist ausgehöhlt, wie ein Käse, Und es geht rauf, und runter - keine Ahnung, wo da die Stadt anfängt und wo der Stein aufhört.* Wir haben Reste von Wänden da unten gesehen, Zeichen auf dem Boden, und uralten Krimskrams. Jetzt nur noch Fetzen und Rost, natürlich. Einmal hätt ich schwören können, dass da ein Steinsarg war - na, da bin ich lieber nicht näher ran. Irgendwann dann war da Licht in der Ferne, Stimmen. Bin natürlich drauf zu wie der Schweinswal auf die Robbe. Weiß nur noch, dass ich irgendwo rein gefallen bin - 'nen Kreis oder so was, mit Leuten in komischen Roben, die was salbadern - dann bin ich umgekippt.
Als ich dann wieder wach war, waren wir oben - im Spital. Muss wohl direkt in so 'ne Fuchtlerveranstaltung geplumpst sein. Aber besser war das, denn die haben uns nicht nur rausgeholt, sondern auch Z'gurushkas Bein wieder hinbekommen. Und ganz, ohne das wir was dafür zahlen mussten. Und noch besser: Francesca und Bargomosch ham's auch rausgeschafft. War wohl keine Kleinigkeit - 's hat dem armen Kerl den ganzen Bart abgefackelt.* Aber sie sind runter gefallen, und da war wohl ein Wasserloch.** Dann konnten sie sich in die Tunnel retten, und sind rauf. Schneller als wir, sind aber auch in's Spital gerannt - der Zwerg hat einen furchtbaren Aufstand gemacht, wegen dem Bart.***
* Unverzeilich ist das. Das bedeutet Groll, jawohl. Dieser sogenannte Herr Geist wird es bereuen, mir je begegnet zu sein.
** Wenn es nur Wasser gewesen wäre - ich wäre lieber mit der Ork allein in der Höhle gelandet.
*** Was soll denn das heißen? Da geht es um Leben und Tod! Zum Glück konnten sie eine Transplantation vornehmen - ich hätte meiner Familie nie mehr unter die Augen treten können.
Bei allen guten Göttern, der verdammte Bartmurmler meint das ernst! Hat mit den Schwarzkutten gesprochen - die waren ganz schön neugierig, über das Biest da unten, was wir gesehen haben, was das so war. Na, Zauberleute eben; alle verrückt. Sollen sie ruhig da runter und sich mit dem Viech anlegen. Ich mach das nicht. Hätt ich Krieger werden wollen, ich wär zu Hause geblieben.
Elender Feigling - das können wir nicht auf uns sitzen lassen. Die Hokus-Pokus-Langbeine meinten, man könnte ihm mit Wasser beikommen. Haben noch irgendwelchen Unsinn gefaselt, von wege "ewige Ruhe gestört", "legitime psychische Probleme durch mangelnde Anpassung an postmortale Existenz" und sowas - Magiergefasel eben. Es hat uns beleidigt, wir müssen uns rächen. Bei meinem Barte!
Dein Bart, vielleicht. Aber der Zwerg hat recht - wir müssen uns dieser Kreatur stellen. Schon allein, weil es kein anderer macht. Laut dieser sogenannten "magischen Expertise" wimmelt es in der Stadt von solcherart Wesenheiten, und wenn eines davon in der Cloaca herumspukt, ist das aus Sicht unserer Vorgesetzten kein dringliches Problem. Die werden sich noch umsehen, wenn es ihnen das Gesäß wegflämmt! Also, frisch gewagt und auf in die Tiefe. Morgen geht es los, wenn das Bein von Z'gurushka wieder geflickt ist.
Alle übergeschnappt! Alle!
Fjordmann hat Angst vor Feuer-Geist? Hat keine Angst gehabt, im Dunkeln. Braucht Fjordmann Orkzahn im Nacken, dass besser geht? Nur Helden kriegen Muntermachbiss.
Blothgard, 11.Eismond, 15 n. E.
Worauf habe ich mich da nur eingelassen.
Heute Morgen sind wir wieder runter. Z'gurushkas Bein war wie neu, bei Sonnenaufgang - das möcht' ich auch mal haben, solche Heilari. Also gab's keine Ausrede mehr. Francesca hat uns - irgendwo her - neues Gerät besorgt, Hacken, Schaufel, sogar ein verdammtes Schwert. Alt und rostig, aber ein Schwert. Was wir damit sollen, gegen ein Viech, das aus Rauch ist, und Feuer - ich kann's nicht sagen.* Den ganzen Vormittag über sind wir durch diese Kanäle gestapft. Bargomosch hatte vorgestern ab und zu was in die Wände gekratzt**, aber es hat uns trotzdem Stunden gekostet, auch nur den Anfang von unserem Weg wiederzufinden. Bin ja nicht recht traurig drum, dass wir erstmal nicht zum Feuermonster gehen, aber die anderen sind schon ganz hibbelig.***
* Mit einer Klinge zu gehen ist immer besser als ohne. Hätte ich meine alte noch - sollen Wolf, diesen knickrigen, kleinkarierten Geizhals die Sackratten befallen - wären wir sogar noch besser dran, aber für diese Attacke muss das alte Eisen genügen.
** Runen sind das. Echte, zwergische Runen!
Pah. Ich habe schon zwergische Runen gesehen ... das da ist das Gekritzel eines Illiteraten.
Wenn du gute, echte Runen nicht erkennst, wo du sie siehst, Langweib, dann ist das nicht meine Schuld.
*** Wir haben Blut, wir haben Eisen, wir haben Feuer. Ist besser als Dreck schieben.
Nach der ersten Rast sind wir tiefer. Hier liegen wieder diese Felsgänge ... wir sind ganz nah am Berg. Ab und zu unsere alten Spuren, aber jetzt suchen wir das, wo's herkommt. Francesca hat noch was anderes dabei. So'n Stecken mit Glas dran und was drin, das summt. Das summt mehr, wenn ein Geist in der Nähe ist ... oder der Platz, wo er sein Lager hat. Ich glaub ja nicht, dass die Schwarzkutten froh wären, wenn sie wüssten, dass sie es hat ... *
Wir gehen jetzt ganz vorsichtig. Tunnel rein, einer nach dem anderen, Pause, abwarten, horchen. Summstecken prüfen, dann weiter. Manchmal wird es stärker, manchmal schwächer ... aber der Zwerg meint, wir kommen immer näher ran, an was. Hier und da sind wieder diese Zeichen am Boden. Und an den Wänden ... ich könnt' schwären, die Risse im Stein sehen aus wie Flammen ...
* Kriegsnotwendige Requirierung; ich bin sicher, sie würden es verstehen. Wenn sie es je herausfinden, was ich zu vermeiden gedenke.
Fast erwischt! Aber diesmal waren wir vorbereitet. Es liegen Funken in der Luft, wenn das Monster in der Nähe ist. Kleine, rote Punkte - wie Augen. Als ob es einen beobachtet. Aber wir sind schnell rauf, in einen Seitenkanal, als wir sie gesehen haben. Es stimmt, was die Kutten gesagt haben - das Ding mag kein Wasser. Glück für uns, auch wenn ich das hier nicht so recht "Wasser" nennen mag.* Wir halten still, noch eine Weile, dann gehen wir wieder runter.
* Alte Helden in Liedern tauchen nicht in Dreckwasser. Sänger sind Lügner.
Wir haben es! Aber wir kommen nicht ran - dabei ist es so nahe. Die Funken, sie tanzen um einen Schacht, und als wir die Fackel runter geworfen haben, haben wir es gesehen. Ein Grab, ein ganz altes Grab. Aber aufgebrochen, überall Knochen und da und dort ein Blinken von Silber. Wer auch immer die Räuber waren, sie sind entkommen - wir haben keine verschmorten Leiber gefunden. Darum tobt er so ...
War natürlich gleich wieder um uns rum - ich konnte den Rauch schon riechen. Aber wir sind nach oben weg, und hier ist ein weiterer Kanal. Endet in einer Art Grube, bis unter'n Rand voll mit der Drecksbrühe. Da geht er nicht hin. Wir können von hier aus sogar runter sehen - es flackert da, im Dunkeln. Ran können wir nicht. Er unten, wir oben. Keiner traut sich, nach vorne zu treten. Schöne Scheisse.
Ich habe den Zwerg die Lage sichten lassen. Es führen sicherlich ein Dutzend Tunnel von dort unten weg - keine Möglichkeit, sie alle zu versperren. Und uns anzuschleichen ist hoffnungslos - die Kreatur bemerkt es sofort, wenn man sich ihrem Grab nähert. Aber Bargomosch konnte einen kurzen Blick erhaschen. Überall sind die Symbole Ignis' in den Fels graviert. Es ist wohl wahr, was die Magier sagten - das Feuer verleiht ihm seine Stärke. Man muss es am Ursprung erlöschen lassen ... hmmm ...
(Ist das jetzt für jeden zum Schreiben? Schlimm genug, dass sie alles nochmal bekritzeln, was ich schreibe. Aber jetzt reden die und Bargomosch schon ziemlich lange da drüben ... die hecken doch was aus.)
Nein! Nein, auf keinen Fall! Die Francesca und der Bartmurmler ist irre geworden. Was will sie? Den ganzen Kladderadatsch hier oben da runter flatschen lassen! Wie geht das? Mit dem größten Kawumm, den's gibt. Und was braucht der Zwerg dafür? Nur'n "bißchen Zeug", "etwas Zeit" und verdammt nochmal 'n "Feuer, das heiß genug ist", hier unten, in dieser feuchten Höhle diesen Irrsinn in Gang zu setzen - und da komm ich in's Spiel. Denn wer hat das Feuer? Genau! Der! Wer ist der Depp, der um ihn rumtanzen soll, bis es wummt? Na? NA?!
Niemals! Nein! Mach ich nicht!
Fjordmann immer noch bockig. Kein anderer kann - Zwerg hält Schnüre, Menschenfrau guckt und ruft, ich drück großen Stein weg. Er ist flink, kann gut Geist wütend machen. Er soll gehen.
Ich mach, dass er geht.
Worauf habe ich mich da gerade nur eingelassen ...
Blothgard, 12. Eismond, 15 n. E.
Wir leben. Obwohl ich da ein paarmal wirklich gedacht hab', es ist zu Ende.
Ich bin dann runter. Ich sag' hier jetzt nicht, warum*, aber ich hab dann doch gesagt, ich mach's, also bin ich runter. Hab mich vorher ganz in das Zeug reingelegt - sowas will ich wirklich nie wieder machen. Aber ich war tropfnass, und das würd' ja vielleicht was helfen. Ich bin ganz langsam die Gänge runter, immer eine Hand and der Wand, ein Auge über der Schulter. Dass ich auch gleich loshetzen kann, wenn's soweit ist.
Hätt' mir gar keine so große Muffe zu machen brauchen - der Bastard war 'n bißchenverdreht, weil wir alle woanders waren. Die Funken waren mal hier, mal da, nie so ganz echt, immer so'n bißchen weg, falls das irgendwie Sinn macht. Ich bin weiter ran, immer nur so'n kleinen Schritt. Es wurde 'n bißchen heisser, aber er is irgendwie nicht auch mich los - hat wohl gedacht, die anderen sind härter als ich.**
* Ha! Ich weiß.
** 'N echter Zwerg ist halt immer noch das Gefährlichste im Raum, nich?
Hab's dann nochmal deutlich gesehen, das Grab. Uralt, aus Stein, ganz komische Zeichen dran. Na, das mit den Flammen wusste ich ja schon Und 'ne Krone ... das hat mir gar nicht geschmeckt. Und da stand ich nun und er guckt und guckt nicht und ich denk, wie mach ich ihn jetzt rasend, und mir tropft immer noch die Drecksbrühe von den Händen ... naja. Da hab ich halt was davon auf seine alten Knochen geschmissen.
Mutig. Wirklich, wirklich dumm, aber mutig
Gute Idee. Alte Geister lieben ihre Knochen.
Das hat ihn aufgeschreckt. Plötzlich waren die Funken überall. Und der rauch, und die Hotze - ich bin so schnell los, wie ich noch nie irgendwo los bin. Meine Füße reissen fast weg - verdammter Drecksschlamm - aber die Höhle ist steinig und rauh, es geht. Ich spür, wie was an mir vorbei geht, und ich riech, dass meine Haare angefackelt wurden. Ich denk, wenn mich der nächste Schlag innen Rücken trifft ... ich renn noch schneller. Keine Ahnung mehr, wie die Tunnel nochmal aussahen, ich folg' einfach nur meiner Nase und hör' auf das Geschrei von oben. Ich dreh mich, hinter mir schmort was. Dann steht ich vor der Wand, und da hängt das Seil. Ich klammer mich fest, und oben drückt Z'gurushka gegen den Stein. Ich denk mir, der fällt nicht, ich bin Asche - aber er fällt.* Ich geh rauf. Ich dreh mich - da steht er. Geuer und Rauch und rote, glühende Knochen, wie Knochen aus schmiedeheissem Eisen darunter, und so eine Fratze, eine Fratze - das Maul, wie aus der Esse, und mit Zähnen aus blutigen Kohlen ... ich vergess das nicht mehr.
Ich guck raus, und ich guck nach vorne und ich schaff's, heb meinen Arm und zeig ihm die Hurenhörner.
Mann, das hat er gar nicht gemocht.
* Wenn Z'gurushka drückt, dann drückt.
Er schreit, irgendwo, ganz oben, bei den Tönen, die man nicht mehr hört, nur spürt. Die Flamme kommt, und ich zieh den Kopf ein, und Francensca blockiert das Seil. Geht daneben, an die Lunte, im Stein. Er guckt dämlich, als sie angeht - das hat mir den Arsch gerettet. Ich glaub, das hat er nicht kapiert. Na, und dann geht alles ganz schnell. Feuer zischt rauf, und alle werfen sich in Deckung (ich press mich an den Stein), und es tut einen hässlichen Schlag und die ganze Brühe, das Dreckswasser von zehn Jahren Stadt, dass sich da gesammelt hat, kommt runter.
Später hat mir der Herr Tunnelexperte gesagt, er hätt' wohl mächtig unterschätzt, was in dem Pfropf da an der Seite so alles drin war. Natürlich. Verdammte Zwerge.
Kann ich was dafür, wenn dieses sogenannte Feuervolk keine anständigen Pläne in ihre Gänge gravieren konnte? Wer soll bei so einer verdrehten Bauweise auch wissen, wo jetzt eine Sickergrupe zu liegen hat?
Die Welle spült alles fort. Die Steine, das Seil, die andern, mich, und das Biest sowieso. Ich denk mir noch, im letzten Moment, der lächelt doch - und dann reisst es uns druch die Gänge. Uner mir verschwindet das Grab in der Flut, und das Mistvieh löst sich in Rauch auf. Vor mir endlose Windungen, und es geht abwärts - und dann, mit einem Schlag, nach oben. Die ganze Ladung drückt uns raus, wie Korken in der Blubberbierflasche. Ich denk noch, ist das da nicht da vorne, und dann flieg' ich im Bogen über die Straße. Na, und dann wird's schwarz.
Interessanter Zufall, dass der ÜberdruckAblauf direkt in die Stadt zurückführte. Ich kann mir nicht helfen, dass das eventuell Absicht gewesen sein mag. Diese alten Lona waren manchmal anscheinend etwas eigen.
Total bekloppt. Aber was erwartet man von einem Volk, das Feuer anbetet und keine anständigen Tunnel bauen kann.
Wir fliegen alle. Aber fallen weich. Nicht schön, aber weich.
Das kannst du nochmal schreiben.
Und als ich aufwach' - na, bin ich wieder im Spital. Anscheinend hat's nur mich auf den Schädel gelegt, alle anderen kamen heil davon. Mein verdammtes Glück, natürlich. Ich wach auf, ich schlaf ein ... das kommt und geht so. Aber ich versuch', das aufzuschreiben - natürlich kritzeln sie mir rein, kaum, dass ich wieder weg bin. Immerhin, jetzt ist's ausgestanden. Sobald die Schwarzkutte mit meiner BIrne fertig ist, krieg' ich wohl endlich mal meine verdiente Ruhe. Und 'ne Belohnung. Belohnung wär nicht schlecht. Die Südländerin sagt, da wären so ein paar Breitbärte, vorne, die woll
Jetzt ist er wieder weg. Ich glaube nicht, dass ihm gefallen wird, was sie zu sagen hatten, wenn er wach wird.
Götterverfluchte, dreifach verdrehte Fischschwanzabraum-müllerzdreckschiet ... ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr! Mir gehen die Flüche aus, verbrannt noch eins! 'S gibt was, oh ja. Beschwerde gibt's, vom Jarl, dass wir Schaufler unsere Arbeit nicht tun, lieber feiern. Dass wir seine Latrine kaputt gemacht haben. Und von den Schwarzkutten, dass wir sie beklauen und Geister aufstöbern, die man in Ruhe studieren hätt' sollen - verdammte Seewanzen! Und vom Markt, dass wir den Marktplatz und noch sechs Straßen drüber alles mit Scheisse zugepflastert haben. Na gut, das haben wir wirklich. Und was kommt raus? 'Ne Rechnung kommt raus! Mehr verdammte Silber, als ich verdammt noch eins in meinem verdammten Leben verdammt gehabt hab, das kriegen wir. Und zwar abgezogen. Schulden! Weil wir keine Krieger sind, keine Eidschwörer, und Hemden anhaben! Verdammt.
Na, und da stellt sich doch auch raus, dass seit neuestem Arbeiter vor der Stadt gebraucht werden. Bauern. Für die Felder. Weil, die Stadt muss essen. Und wenn wir brav sind und nett, und mitarbeiten, dann sind wir in 'n paar hundert Jahren die Schulden los!
Ich werd' nicht mehr. Warum hab ich mich auf den Schiet nur eingelassen?
Schau nach Mal im Nacken, dann du weißt.
Olafs Saga - Woche 3
In einer Stadt von Helden, Kriegern, Magiern und Königen muss es auch jemanden geben, der auf den Feldern das
Unkraut rausrupft. In Blothgard ist das Olaf Heringstrypar, Unterster aus der wenig beachteten Sippe der Schuttabtransporandir – und dies ist seine Geschichte ...
Blothgard, 13. Eismond, 15 n. E.
Ich tu echt nie jemals wieder jemand 'nen Gefallen.
Grad die verfluchte Stadt gerettet, und wo landen wir? Draussen, auf'm Acker. Freya, wenn ich 'n Höriger hätt werden wollen, wär' ich zu Hause geblieben.
Na, so nennen die hier das natürlich nich. Ne, im Pakt sind ja alle frei, muss keiner was machen. Nur, Essen muss halt doch auf'n Tisch. Und da biste halt, wenn'de nicht hart genug bist, im Rat zu hocken, oder die richtigen Freunde hast, schnell mal dran. Aber nich gezwungen oder so, nee, nee - du bist frei. Hast Schulden, klar, und die anderen sind frei, dir die Rübe einzudreschen und dein ganzen Zeug zu nehmen, wenn'de nich spurst, aber, hey, bist frei, nich?
Verdammte Heuchler.
Na, also gut, wir sind also grad raus aus'm Spital - ich geb's zu, was die Heilari angeht, ist das hier echt Meilen besser, keine Frage - da kommt schon so ein Wichtigtuer gerannt und meint, gute Nachricht, die hätten was, wo wir unsere kleine Schuld wegschuften können. Und da wir ja ohnehin alle 'n erfahrener Arbeitstrupp sind, umso besser. Führt uns raus vor die Stadt - hab ich so noch gar nich gesehen. Geht'n bißchen unter, so vor dieser Riesenstadt, aber is gar nich so wenig, hier draussen. Die ganzen Hörigen, die Bauern, die Hirten, das kleine Volk, eben, die sind ja auch da - is eben nich alles Krieger und Könige. Und die leben lieber an den Feldern, als irgendwo in 'nem alten Steinhaus in so 'ner toten Stadt. Gut, vielleicht würden sie schon ganz gerne - aber einer muss halt die Drecksarbeit machen. Also gibt's jetzt hier 'n Haufen Hütten und flachgeklopfte Wege und Steinmauern, für die Pferche und die Felder. Fast wie zu Hause - nur heißer und trockener.
Das is dann auch, scheint so, echt'n Problem hier. Sie hauen überall, wo einigermaßen Wasser is, die Hacken in den Boden. Von der Siofra kommt natürlich nich genug runter, also buddeln sie Brunnen, leiten die Bäche um und kratzen an jedem Stück Dreck, der einigermaßen grün aussieht. Is aber trotzdem einfach nich genug - sie müssen immer noch Korn und Öl woanders einkaufen. Zum Glück hat's in der Stadt soviel Gold.
Das Ganze hab ich gehört, weil ich den ganzen Tag meine Arbeit gemacht hab, und'n bißchen mit'n anderen Buddlern geplaudert. (Ackern is nich so viel, im Winter. Aber 's gibt genug zum Buddeln.) Und stillgehalten hab, und mich mit niemandem angelegt. Anders, als 'n paar andere Fischköppe, die ich hier nich nennen will.
Sehr komisch, Langbein. Aber morgen schauen wir mal, wie wir Francesca und die Schwarzblut aus dem Loch wieder rauskriegen.
Blothgard, 14. Eismond, 15 n. E.
Heute ging's an die Mauer.
Also, nicht die innere, die äußere Mauer. Das muss man sich mal vortellen: Hat dieses Volk nicht nur um ihre ganze Stadt ' n Ring gezogen, nee, da steht noch'n zweiter. Um die Vorstadt rum. Felder, Weiden, Hecken, sogar Wälder - einfach alles. Ich versteh's nicht - wie kann ein so'n Volk das gebaut haben? Ich hab von Riesenmauern gehört, aus alter Zeit, die die Jarle heut' nur noch halten, wie's eben grad geht. Aber selbst die geh'n nich einmal um'n ganzes Landstück rum. Kein Wunder, dass die Bauern sich hier drum reissen, reinzukommen. Wann hat man schon mal ackern dürfen, in den Stadtmauern. Da braucht der Hörige sich sein Lebtag nicht mehr zu fürchten - obwohl die mir alle natürlich gesagt haben, dasss sich niemals jemand aus'm Pakt fürchten tät, wo wir doch die Stärksten sind, die Größten, die Helden von allem, dass sich der Feind in's eiskalte Hemdchen scheißt, wenn er nur die Trommeln hört. Naja, was die ebenso sagen.
Sind auch keine Bauern hier, sind Söldner. Sagen sie. Hab sie noch nich viel rumgammeln sehen, und an die Weiber gehen sie auch nicht ran - aber sind alles Söldnerkompanien. Na, wer's glaubt.*
'N rauer Ton herrscht hier aber, das stimmt wohl. Die Herden und die Felder - das gehört halt denen, die's eben behalten können. Die Tiere haben sie mitgebracht, aber 's waren auch 'n paar hier, wilde, halt. Und die Äcker sowieso. Da hat eben jeder das bekommen, was er sich als erstes geschnappt hat. 'S heißt, der Rat tät' sich nicht scheren, solange sie sich nie Köppe nich zu blutig hauen, also klauen sie halt das Vieh und versetzen die Grenzsteine. Kein Wunder, dass es die Schwarzblut und unsere selbsternannte Jarlin da gleich erwischt hat - die können halt nich stillhalten und'n Kopp wegducken.
Sie liegen im "Loch" - halt so'n Stück, anner Mauer, eingesunken, wo man nich rauskrabbeln kann - bis sie aufhören, zu fluchen. Kann noch'n bisschen dauern. Haben sich wohl mit so einem Ziegenpeter angelegt, aber der hat halt Kumpels gehabt. Und wir kennen hier keinen. Ich schau später mal, ob man da was drehen kann.
* Diese Bauern hier, die kommen wohl aus dem Süden. Und da mussten sie aus steuerlichen Gründen für den Provinzkönig als Söldner bezeichnet werden. Ansonsten sind das ganz normale Langbein-Feldkratzer - dreckig, unbeherrscht, keinen Sinn für die mineralischen Feinheiten bei der Arbeit.
Schöner Schiet. Das is'n Fischwämser, aber 'n gewaltiger. Hab mich schon so'n bisschen gefragt, wie das hier geht, wenn alle machen, was sie wollen - wieso sich dann die Leute auf'm Feld den Buckel krummschuften. Das sind so Kerle wie der da, der Schwarze Peter (der heißt echt so), die machen das. Kauft Schulden, und Ackerland, Wiesen, Weiden, Weiher, sowas; und vor allem Kerle mit breiten Armen und kleinem Kopp. Na, und wenn dann einer was will, oder wenn der noch einem was schuldet, dann musser ran. Klar isser frei, kann gehen, sich was pfeifen. Nur, die Peterskerlchen, die sind auch frei, ihn gründlich zu verwämsen. Freie Stadt eben. Da spuren die schon.
Und das Übelste: Der hat auch unsere Schulden. Gleich gekauft, als er mit Z'gurushka aneinander gekommen ist. Hat mir ins Gesicht gesagt, dass die beiden da unten bleiben bis sie spuren. Oder bis sie ihm zu sehr auf'n Sack gehen, dann holt er sich sein Silber auch anders rein. Und, Thor, hatter dabei übel gegrinst.
Ich hab'n ganz mieses Gefühl dabei ...
Blothgard, 19. Eismond, 15 n. E.
Und ich hatte recht damit. Das is'n gewaltig fieser Bastard, so'n richtiges Blutauge. Die Sachen, die sie über den Peter erzählen, das ist duster, ganz duster. Soll die, was ihm gegen den Strich gelöaufen sind, abmurksen, indem er ihnen die Lungen rausschneidet. Davor dreht er ihnen die Finger raus, sticht ihnen die roten, heißen Messer unter die Haut. Weil'S Spaß macht. Einen Gast hat er mal 'n Kopp kürzer gemacht, und zwar einfach nur, weil der seinen Gott irgendwie beleidigt hat. Also, direkt danach. Axt raus, rein in'n Hals. Ohne was zu sagen. Sowas Kaltes, da hab ich nich gedacht, dasses sowas gibt.
Na, das erzählt man sich hier eben. Nich nur die normalen Leute, auch seine eigenen Schläger. Die sollen alle Angst vor ihm haben, und das gefällt ihm wohl. So'n Kerl, der is nur richtig glücklich, wenn jeder im Zimmer vor ihm schlottert. Mit sowas kann man nich reden, dem kannstes nich recht machen. Der will dich wimmern sehen, Ich hab ja eigentlich gedacht, wenn wir'n Kopp unten halten, vielleicht was drehen, wenn die beiden noch lieb 'Tschuldigung sagen, dann kommen wir da wieder raus. Aber so, wie das klingt ... ne, ne.*
Das hab ich die letzten Tage gemacht. Rumgehen,was schippen, mich bei den anderen Schippers umhören. Un nich nur denen. Hier draussen is massig Volk, das hab ich vorher gar nich so gedacht. Aber für jeden, der inner Stadt hockt, müssen zwei hier draussen schuften, dasser was zu beißen hat. Also genug Volk, dass unsereins immer was zum Unterschlupfen hat. Ich hab hier Kanälchen gebuddelt, für die Felder, hab Zaunpfähle reingekloppt (und einmal mit gewunken). Wege geschottert, Mauern aufgetürmt, Gräben aufgeschüttet, und, und und. Mehr als genug Arbeit, für einen. Nich, dasses sich lohnen würde - was wir abschuften müssen, das krieg ich im Leben nich hin. Drum muss das irgendwie anders gehen ...
* Ich habe es dir ja gesagt. So etwas löst man nicht mit hübschen Worten, da muss man klar machen, dass man sich nichts gefallen lässt. Soll das Langbein uns wohl auf der Nase herumhüpfen?
Bistu blede, verdammter Kniebart? Hast du nich gelesen, was ich eben hier hingekritzelt hab? Das iss'n Irrer, 'n ganz blutiger! Der gibt nich' nach, der macht uns kalt und alle, die wir kennen. So jemand, der geht nicht zurück, wenn du dich gegen ihn stemmst. Der drückt extra feste nach und hört nich auf, bis du weg bist.
Hab auch mal gefragt, wie'n das is, hier, wieso die so einen machen lassen. Na, die andern ham mir gesagt, der geht eben ab un zu mit, auf Krieg. Der kämpft, der kennt da nix, und darum isser was, im Pakt. So einer, der keine Angst hat, 'n anderen über'n Hackklotz zu ziehn, dem macht's auch nix, mal inner Schlachtreihe zu stehen. Und auf so Volk, da sind die die ganz versessen. Das is, denk ich, 'n Held, also, bei denen Breitbärten. Selbst, wenn wir was drehen - die wer'n uns nachher für kriegen.
Nee, nee, solchen Oberschlägern geht man nich gegen. Verflucht, die Oberschläger sin' hier die Jarle, die Könige fast. Aber eben darum, denk ich, kann man was anderes dreh'n. Is so, denk ich mir, wenn das hier alles Kämpen sin, Blechschlepper, Schwertfuchtler, dann denken die nich nach, was so ein normaler Kerl wie ich brauchen könn't. Na, und ich hör mich heut um, und ich hab recht. Nich genug Wasser, das wusst' ich ja, und niemand, der für Ordnung sorgt, und solche wie der Peter, die machen, was sie wollen. Da sind die Bauern sauer auf die Hirten, und die Hirten können nich mit den Wassergräbern, und alle hassen die Holzfäller, weil eben jeder jedem dreinfährt. Auch nich genug grünes Land für alle, also wird sich drum gehauen. Die Ziegendrescher, die Bande von dem, die mag niemand. Muckt nur keiner auf. Aber alle schau'n weg, wenn denen mal was Unschönes passiert - da, denk ich, muss was zu machen sein.
Also, ich red' morgen mal mit'm Volk anner Mauer, da, wo er sein Lager hat. Und du - ja, ich weiß, du liest das, schau nich so, oben hast du ja heut Morgen noch was gekritzelt - du gehst zu denen unseren beiden Frauen, und machst, dass sie nix Dummes anstellen, bis dahin. Noch hatter Spaß dran, dass die jeden verdreschen, den er zu ihnen runterschickt - das ham mir die Holzfäller gesagt, und die trinken mit den Hirten, die mit denen trinken, die unten waren - aber nich mehr lange. Dann wirder sauer, und dann willer, dass sie kriechen.
Und wennse nich kriechen, dann bricht er ihnen den Rücken auf.
Ja, ist ja gut. Ich sehe mal, was ich machen kann. Du hast ja recht - solche Bestien, wie ihr Langbeine sie
hervorbringt, da muss man vorsichtig sein. Lungen rausreissen, also wirklich. Das es ein Land gibt, wo man so etwas duldet, spricht nicht eben für dein Volk, Nordmann.
Blothgard, 20. Eismond, 15 n. E.
Also, eigentlich ja schon nich mehr. Ist nach Mittnacht - denk ich mal. Sicher schon tief in der Nacht.
Hab weiter geschuftet, den Tag über. Davon gibt's hier draußen genug; Schufterei. Klar, muss man ja alles neu bauen. In der Stadt, da hat's gehalten. Da stehen die Straßen, die Häuser, der ganze Kram. Hier draußen ... nich so. Sie sagen, die alten Akata wär'n die Hörigen gewesen, hier. Und dass sie hier draußen waren, geschuftet haben. Klar, klingt richtig. Hätt ich'n Haufen Leute gehabt, die was meine Diener gewesen wär'n - und so richtig, also ganz, weil, hier auf Myttodea, da greifen sie denen innen Kopp, die können nich mal aufsässig denken - da hätt ich sie auch losgeschickt, die dreckige Arbeit machen. Na, also Diener vor der Stadt, Herren drin. Und dann sind die Herren gestorben, und die Diener ham' sie verscharrt, und dann sind sie weg. Weg von dem verfluchten Ort. Das von den Herren ham' sie gelassen, aber ihre eigenen Sachen, die ham' sie mitgenommen. Oder kaputt gemacht. und was sie nich selbst kaputt gemacht ham, das hat die zwei Jahre nich überlebt. Eben nur Werkstück für Diener.
Also muss all sowas wieder her. Sie bauen Blockhütten, aber viele von denen, die aus sowas wie dem Land hier kommen sagen, das is Blödsinn, da geht man drin ein. Und dass man besser aus Stein bauen sollt', auch wegen der HItze, und weil Holz nich gut wächgst, hier. Gibt auch wirklich keine echten Wälder, nur so Krüppelgehölze. ABer Stein, da muss man mehr schuften. Also, ich muss.
Hab aber wieder mehr gelernt. Is nich alles wildes Gehaue hier. Die haben schon Sippen, nur nich so offen. Viele hier am Land bei der Mauer halten zu den Breitbärten, denen sie gefolgt sind, natürlich, aber die kommen nich oft hier raus. Halten trotzdem untereinander zusammen, also, die Leute vom selben Schlag. 'S gibt Kelten-Felder und Adler-Felder und sogar Schwarzkutten-Felder. Dann sin' da die Schutzbünde, gegen das Raubzeug und so kleine Räuberkönige wie den Ziegenpeter. Reissen nich viel, aber bisschen was geht. Da ist der Bandstiefel-Bund, der Schwarze Haufen von diesem Kondor, und die Verrückten um den Joannis Hos, der auch predigen tut. Manchmal schaffen die's ihre Leute zu schützen. Und wenn nich, na, dann helfen sie sich mit'm Korn aus, und richten, was umgetrampelt wurde.
Anner Mauer ganz direkt sind die Elefanten. Weil sie so schuften, und weil das Ding ja rosa is. Das sind die, die's wieder richten sollen, und danach in Schuss halten. Da kommt man gut rein, aber viel ham sie nich. Gold gibt's ausser Stadt, für die Arbeit, aber was kann man sich damit schon kaufen? Wenn's nich auch Rationen gäbe, sie würden denen Breitbärten wohl abspringen. Die mögen die Ziegendrescher auch nich, weil die anner Mauer ihr Lager haben und sich da nich dreinfuhrwerken lassen. Na, und weil die ihnen die Rationen abnehmen, natürlich. Die schau ich mir morgen mal an, da kann man bestimmt was drehen.
Bargomosch hat was rausgekriegt. Die Francesca hat bisschen gekritzelt, dann grad bei Nacht aus'm Loch geworfen. Wachen waren knülle, aber raushauen hätt er sie trotzdem natürlich nich können. Immerhin ... aber das liest sich gar nich gut.
Der Barbar findet weiter Gefallen daran, wie wir seine Schergen zurichten. Dennoch ist er nicht dumm. Oben sind immer Spießträger, wenn er kommt, und niemals beugt er sein Haupt über die Grube. Jeder Versuch, seiner habhaft zu werden, wird scheitern, auch wenn Z'gurushka das anders sieht.
Wir erhalten genug Nahrung, um bei Kräften zu bleiben, aber auch nicht mehr. Schon riechen wir wie die Nordleute* - frische Wäsche oder genug Wasser zum Waschen stehen natürlich völlig außer Frage. Wir werden morgens und abends mit Speise versorgt, mittags vorgeführt. Zu Anfang haben sich die Schergen noch gegenseitig versichert, wie leicht sie uns niederzwingen würden, noch nach den ersten vier gebrochenen Kniescheiben (dank der Schwarzblut) sind sie vorsichtiger geworden. Nun gilt es als Strafe, zu uns hinabgehen zu müssen.
Nachts ist die beste Möglichkeit, jedoch bleiben die Wände der Grube unüberwindlich. Alle Arten an rauen Ecken und trittfesten Einkerbungen wurden entfernt. Noch einmal mehr im oberen Bereich - und wenn wir dort stürzen, brechen wir uns alle Knochen.
Auch unser Status als Unterhaltung schützt nicht vor allen Launen. Heute Nachmittag ließ ich mich dazu herab, den Herren direkt anzugehen (mit Worten) - er wiederum ließ Steine hinabwerfen. Z'gurushka hat die Masse gefangen, aber es hat sie eine hässliche Kopfwunde gekostet. Sie tut, als wäre nichts, doch ich fürchte, dass es nur schlimmer wird.
Wir müssen hier heraus.
Ich krieg ihn. Ich brech ihn. Ich komm hier raus.
* Hey!
Blothgard, 21. Eismond, 15 n. E.
Heute in Erik reingelaufen. Meint, es wär' ihm gut ergangen, aber Manfred is immer noch ein Ochsenarsch.
In der Stadt haben sie wohl ein paar Straßen frei gekriegt, dafür gab's Met und Braten. Wär ich man da geblieben. Nu, jedenfalls ist er jetzt auch hier draussen, an der Mauer. Scheint's, die Breitbärte haben Muffensausen, und wollen das Ding lieber gestern als heute wieder aufgebaut sehen. Ist natürlich ganz was anderes, so einen meilenlangen Wall zu flicken, als 'n bisschen die Wege freizuschippen. Erik meint, darum wird ihm wohl auch in zehn Jahren die Arbeit nicht ausgehen.
Bin dann mit ihm zu den Rüsselschwingern. Na, so offiziell die "Mauerelefanten" ... die Malocher da, eben. Die ham sich gefreut, dass wer mit was zu trinken kam, und noch'n bisschen Brot. Meinten, die Versorgung wär' wieder schlechter geworden, und dass sie so nich mehr lange weitermachen würden. Auch, dass sie hier draussen keiner schützt - klar, am Tag, wenn'se Steine schleppen. Aber danach, im Lager, wenn die Ziegendrescher kommen, ihnen die Löhnung abnehmen? Dann nich. Erik meinte, 's is überall in der Stadt dasselbe, dass die Breitbärte nich so recht klarkommen, mit den Gaunern und Plünderern. Die gehen dann, hauen drein, und glauben, damit isses getan. Na, und die Ratten kommen halt am nächsten Abend wieder.
Hab da mal reingebohrt. Meinte, so anständige Leute wie wir, die sollten sich das nich gefallen lassen. Müssten wir uns wehren. Natürlich sind wir alle keine Kämpen, aber dreinschlagen können wir ja doch, und wenn man nur bisschen aufeinander achtet, dann haben die Bastarde von den Banden nix, wo sie sich reinklammern können. Meinte Erik, is ja ganz nett, aber manche von den Schlägern - wie eben der Ziegenpeter - die ham Freunde im Rat, und ham schon mal sich geschlagen, an die kommt man nich ran. Mein ich wieder, da muss man eben Köpfchen haben. Na, und dann hab ich noch eine Runde ausgegeben, und denen gesagt, was ich mir da so gedacht habe. Wird dem Zwerg gefallen.
Na, das ist doch mal ein Plan, den ich ohne Murren mitmachen kann. Hat das Langbein eine gute Idee gehabt. Immerhin hat sich dieser Abschaum direkt am bröckeligen Mauerwerk eingenistet - da kann es doch schon mal passieren, dass ihm was wegbricht, nicht? Ist eben keine Zwergenarbeit. Ho, das heißt, die Pfuscherei, die das etwas beschleunigt, die ist natürlich Zwergenarbeit; meine Zwergenarbeit. Und wenn ich hier "Pfuscherei" schreibe, dann meine ich aber Pfusch vom Feinsten, gut ausgeplanter Edelpfusch, der genau dann wirksam wird, wenn wir es brauchen.
Es ist nicht so einfach, wie ich zunächst gedacht habe, denn direkt an dem Lager (das ist an einem Eckstück, an einer alten Zisterne) können wir nicht arbeiten. Da ist der Abschaum vorsichtig, sie lassen keinen in ihr Lager. Haben vielleicht Angst, dass man sie von der Mauer aus mit Steinen belegt - kluge Langbeine. Aber an dem Stück westlich davon kann man arbeiten, und natürlich verstehen ihre Spähposten nicht, was ich im Mauerwerk tue. Zwerg rein, Steine raus. Wenn ich so weiter mache (und die Elefanten mir den Rücken freihalten) dann bin ich in zwei, drei Tagen unterdem Lager. Und dann wollen wir doch mal sehen.
Kopf unten halten, Arbeit machen, Geduld haben. Das hilft. Solange nix dazwischen kommt ...
Blothgard, 22. Eismond, 15 n. E.
Waren auf der Jagd, heute.
'S gibt immer noch nich genug zu essen in der Stadt, und Ernte ist erst im Frühjahr. Darum gibt's Jagdtrupps. Erik ist bei einem dabei, und mich gefragt, ob ich mitwill. Ha, na und ob - viel besser als Steine an der Mauer zu schleppen.* 'S gibt wohl eine Menge davon. Einfach ein paar Leute, die sich zusammentun, vor die Mauer gehen und sehen, was sie fangen können. Angeblich isses nich sicher, aber den letzten Schwarzblauen haben sie jetzt auch schon vr 'ner Ewigkeit gesehen. Und das Wild is draußen mehr, oder, besser gesagt, überhaupt mal da. Im Ring gibt's nur noch Herden; alles, was wild ist, haben sie schon lang weggefangen. Wir brechen früh auf, solange es noch dunkel ist.
* Na, wenn du das sagst, Langbein. Hauptsache, es kommt Fleisch auf den Teller.
Nicht so leicht, wie ich das gedacht habe. Wir sind weit nich die Einzigen, hier draussen. Fleisch bringt anständig Gold, oder besser noch, Öl und Korn, auffem Markt. Jeder, der einen Bogen halten kann, glaubt schon, er wär'n großer Jäger - die treiben einem natürlich das Wild weg. Also muss man weiter weg vonner Mauer, überhaupt vonner Stadt. Am besten wohin, wo man nicht leicht hinkommt, dass sich da nich zu viele rumtreiben. Ich, na, ich weiß, was ich kann und was nich, also schleppe ich den Kram und ziehe ihn die Klippen rauf. Wir gehen auf Steinböcke - die sind nicht leicht zu kriegen, da gibt's mehr von. Also den ganzen Morgen den Berg hochgekraxelt. Immerhin scheint Sonne, und es ist nicht zu kalt.
Wir ziehen nach Nordosten, den Bergkamm entlang. Hier draussen ist es nicht mehr so warm - die ganze heiße Luft hängt an der Stadt. Ha! Auf jeden Fall sind wir tiefer in die Mäntel. 'S kommt mir auch so vor, als ob hier draussen mehr Wasser fließt - da sind 'n paar Bäche, hier und da. Aber vielleicht ist das auch nur Einbildung. Wenn das so weitergeht, kann man vielleicht was Silber machen, indem man mit'm Karren rausfährt, und 'n paar Fässer füllt. Oder sie leiten die Dinger um - das wär' dann natürlich wieder Buddelarbeit.
Sind so'n paar Leuten in die Arme gelaufen. Seltsames Volk - Leder und Knochen und Horn am Leib, aber kein Stoff und kein Eisen. Ganz viel Klimperkram, im Haar und auch durch die Haut. Marlies, unsere Anführerin, die meinte, das wären so Stammesvölker. Gibt's im Pakt 'n paar. Na, die hab ich aber freundlicher in Erinnerung. Die haben uns gleich die Speere vor die Schnautze gehalten. Keine Ahnung, was die gesagt haben, aber 's war klar, was die wollten: Das wir abhauen. Na, wir sind nich blöd, wir lassen uns auf kein Streit ein. Sollen die Breitbärte ihr Blut ausgießen wie ihre Pisse - ich häng am Leben. Wir sind dann wieder talwärts gezogen, aber natürlich waren da schon Spuren von so 'nem anderen Trupp. Natürlich. Wild ist scheu, die Büsche bleiben still. Erik hat schon auf ein Eichhörnchen angelegt, aus Ärger.
Ham' die Burschen gefunden, die hier jagen. So'n Trupp Flachländer, ganz fein mit Ihr und Euch und so'n Kram. Zelt hammse auch, aber ebenso wenig Jagdglück wie wir. Die hatten wohl schon früher 'n Stoß mit den Knochennasen. Die ham' sich hier wohl eingenistet, und sind gar nicht glücklich, dass unsereins jetzt in ihrem Land jagt. Aber was wollen wir tun, Fleisch muss her? Marlies redet mit denen ihrem Chef, so 'nem Kerl in Grün, mit so 'ner albernen Zipfelmütze auf.
Wir geh'n rauf, alle zusammen. Scheiss auf die Knochenleute, wir brauchen Wild. Und hier unten is einfach nix mehr. Wir ham' abgemacht, wir gehen in voller Stärke, zeigen, dass wir da sind, dass wir uns nix gefallen lassen. Drei von den anderen ham' sogar Armbrüste, die bleiben gespannt. Damit kann man schon mal Eindruck schinden, denk' ich.
Eindruck hat's gegeben. Mussten zwar ein so'n Ding losschiessen lassen, aber als die Wilden uns wieder ham' wegjagen wollen, da hat die Lange von denen Flachländern den Bolzen eiskalt über denen ihre Köpfe innen Baum gejagt. Danach war Ruhe - das sind ja auch nur zehn oder so. Wir ziehn noch'n bisschen weiter, dann teilen wir uns auf. Wenn se wieder Ärger machen, haben wir Jagdhörner, dann ärgern wir direkt zurück.
Endlich! Schon über Mittag, und wir müssen noch zurück. Aber der Bock war richtig groß - das heißt, er isses immer noch, aber jetzt isses unserer. Und als wir hin sind, da, wo die Lange ihn mit 'nem Bolzen runtergeholt hat, war da doch glatt noch 'ne Ziege am Hang. Erik hatte 'n Pfeil noch anner, Hand, auf die Sehne, gleich raus. Kein Abschuss, aber genug Blut, das wir dran bleiben konnten. Immer noch bißchen mager, für zwei Trupps, aber genug, dass wir damit zurück können.
Das war scheußlich. Und mir is immer noch was flau im Gemüt. Aber was soll man machen? Wir ham' ja auch nix. Jetzt noch weniger. Also, 's war so, wir sind zurück, und da waren wieder die Knochennasen. Diesmal noch wilder, mit mehr Gefuchtel. Scheint's, die wollten unsere Jagdbeute. Hamm'wer denen natürlich was gehustet, da haben die die Speere geoben. Na, wir ebenfalls zu den Dolchen und an die Pfeile - das wär' vielleicht übel ausgegangen, aber die Zipfelmütze hat denen was auf ihrer PSrache gesagt. Ham sie wieder was gesagt. Hat er was gesagt, dann dreht er sich um, und meint, wir soll'n mal mitkommen. Wir gucken blöd, aber er sagt, das passt schon so, und die meinten, 's wär wichtig. Na gut, auf Treu und Glauben, aber wir geh'n mit. Noch ne halbe Stunde durch das Geröll. Na, und dann ist da das Lager: Höhle, Lederzelte, Bast- und Flechtwerk, sowas. Und die Leute ... na, das war schon übel. Kaum Fleisch auf den Rippen, die Kinder so langsam und lustlos, und als wir ankamen, sind gleich alle auf ihre Leute los, ham' sie beplappert. War klar, dass die auf was zu Essen gewartet haben. Und wir mit unseren Böcken --- das war schon gemein. Konnten wir nich mitansehen. Vor allem nich, als Zipfelmütze sich das angehört hat, und dann meinte, denen geht's wirklich nich gut. Viel zu wenig Land, hier, anner Küste, für so Volk. Die brauchen weite Wälder, massig Platz, dass das Wild nich ausgeht. Aber hier reicht unser Land ja kaum sechzig Meilen weit, und es kommen immer mehr Leute. Das geht nur, wenn das Land bestellt wird, überall Felder sind. Aber Felder und sowas, das können die hier nich. Ham'se nie gemacht. Immer nur gejagt. Und jetzt geht das Wild aus, und die Bäume und Wurzeln sind alle schon abgegrast. Naja
Wir ham' die Ziege dagelassen. Und morgen geh'n wir vielleicht woanders jagen. Aber ich weiß nicht ... das kann doch
nicht lange so gehen.
Blothgard, 23. Eismond, 15 n. E.
Heut 'n Zusammenstoß an der Mauer.
Ich hab dem Kniebart gesagt, er soll still halten, aber, klar, der kriegt das nicht hin. Die Ziegendrescher haten nix zu tun, denen war langweilig, also sind sie los, die Leute, die an der Mauer schuften, zu ärgern. Wussten natürlch, was kommt, also ham se den Kopf unten gehalten, nix gesagt, 'n bißchen Schnaps und Brot abgegeben. Und dann muckt Bargomosch auf, ausgerechnet wegen dem Gold. Ich mein, das liegt hier an jeder Ecke rum, niemand will das wirklich - außer die, die rausfahren, Zeug aus'm Rest von der Welt kaufen. Aber hier drin, was bringt's? Gebranntes, Öl, gutes Korn, Tabak, solche Sachen, die sin' was wert. Nur dass das der Fischwämser nich kapieren wollte.
Schon wieder hat das Langbein nicht verstanden. Da geht es nicht um das God, da geht es um die Ehre. Wer zulässt, dass einem die Schurken auf der Nase herumtanzen, der hat es auch verdient. Ein aufrechter Zwerg - oder Mensch, in diesem Fall - steht für sich selbst ein. Ganz gleich, worum es nun genau geht.
Sie kamen am Mittag - müssen wohl am Abend zuvor durchgetrunken haben. Sommers geht man in der mIttagshitze nicht raus hier, aber jetzt, im Winter, geht es. Wir haben also das Tageslicht genutzt und ein gutes Stück Mauer wieder instand gesetzt. (Provisorisch, natürlich, aber was will man hier auch erwarten?). Ich war zuerst in der Wand drin, am Tunnel, und habe nicht gleich gemerktm, was da los war. Erst, als das Hämmern aufhörte, bin ich stutzig geworden. Draussen standen so etwa sieben, in dreckigen Leinen und Lederzeug. Nichts Brauchbares, natürlich. Sie hatten auch Eisen, aber da war sogar noch schlimmer als das Leder - irgendwie an dem Unterzeug festgemacht, rostig, ein wildes Durcheinander aus Platte, Ringen, Nieten und sogar Ketten, also, echten Eisenketten, um die Arme geschlungen. Es tat mir in der Seele weh, das zu sehen, und das habe ich diesem Gesindel auch gesagt.
Gelacht haben sie! Über mich! Und mich doch wirklich aufgefordert, ihnen die Rüstungen zu flicken, wenn mir das so viel bedeuten würde. Na, nicht für alles Gold der Stadt, habe ich natürlich zurückgegeben. Dann haben sie sich über meinen Sammelerfolg lustig gemacht, und da musste ich ihnen natürlich das Gegenteil beweisen. Die alten Lona konnten immerhin so einigermaßen mit Gold arbeiten, aber ich werde die Münzen und die Ringe doch bei Gelegenheit einschmelzen und etwas Richtiges daraus fertigen. Und das werde ich auch wirklich, denn ich habe meinen Besitz nicht aus der Hand gegeben, wie diese Mauerarbeiter, die sich so leicht einschüchtern lassen.
Na, dann ist der Abschaum natürlich runter von der Mauer und hat versucht, mich einzukreisen. Nicht mit mir, da war ja noch ein gutes Loch im Stein, in das ich zurücktreten konnte. Und der erste, der näherkam, na, dem hab ich aber sofort meine Hacke in's Gesicht geschlagen. So fest, wie es nur geht - da darf man nicht zögern, nicht nachgeben. Wenn sie merken, dass man es ernst meint, lässt solches Gesocks meist schnell von einem ab. Und genau das ist auch passiert - haben den Schwanz eingezogen und sind abgehauen. Was daran war denn nun bitte falsch, Langbein?
schreibt der mir doch glatt ne ganze Saga hier rein. Muss ich wohl 'n Ton getroffen haben. Aber was er nich kapieren will, ist, dass wir 'n Kopp unten halten. Hat'n Grund. Jetzt weiß der Peter, dass da ein Loch ist, ganz nah bei seinem Lager, dass da 'n Zwerg drin is, dass der Zwerg seine Leute verwämst hat, und dasser sich nich einschüchtern lässt. Wass denkter wohl, dass dann passiert? Der kommt wieder, der macht ihn kalt, der kann doch nich zulassen, dass er in seinem Revier wildert. Und wenner spitzkriegt, dass der was mit seinen Gefangenen zu tun hat, na, glaubste nich, der dreht das nich gegen ihn? Na, lass ich das mal hier liegen, geh wieder mit Erik raus, seh'n wir doch mal, was er dazu sagt.
Verflucht, der Nordmann hatte vielleicht recht. Vorhin waren ein paar hier, haben nach mir gefragt, als ich unten war. Die anderen haben dicht gehalten, aber das klingt gar nicht gut. Hätte ich doch besser nachgedacht.
Na, drüber gefahren. Ich geh gleich mal ans Lager, hör mich um, wasser vorhat.
Also ... ich ... ich krieg das gar nicht hier hin. Ich war am Eingang, hinten, wo die Drescher ums Feuer sitzen. Hab was Schnaps geopfert, dass ich mithocken konnte - die dachten, ich will gut Wetter machen, für's nächste Mal, dass sie vorbeikommen. Na, und sie plaudern wirklich über Bargomosch. 'S ist ... Scheiße, ich will's gar nicht reinschreiben. Der will ihn nicht kalt machen. Der will den Zwerg anheuern. Und der lässt kein Nein gelten, bei sowas. Und als ich ihm das stecke, da freut der Kniebart sich auch noch, und meint, das wär doch die tolle gelegenheit. Reingehen, sich anheuern lassen, sie Mädels rausholen. Sag ich ihm, das kann doch nur schief gehen, da steckt er doch mitten drin bei denen, und ohne wen in seinem Rücken, wenn's schiefgfeht.
Sagter zu mir, er wird das mit seiner silbernen Zunge machen.
...
Wir sind am Arsch.
Pah! Schwarzseher. Als ob ich nicht verschlagen sein könnte wie die Elfen, wenn ich wollte. Ich werde diese Bande morgen um meinen Bart wickeln, jawohl.
Sowas von am Arsch.
Blothgard, 24. Eismond, 15 n. E.
Odins runzlige Eier, das war aber haarscharf.
Gleich, als ich mich heute Morgen aus den Fellen geschoben hab, hab ich gewusst, ich muss irgendwie machen, dass uns der bekloppte Zwerg nicht alle umbringt.* Bin ich also zur Mauer und hab Steine geschleppt. Keine schöne Arbeit, aber immer nah dran an dem Irren.**
Morgen über war Ruhe. Die Dreckschipper standen auf den Feldern, Gräben stechen, und die Ziegendrescher ham' sich mit denen rumgeschlagen. Aber dann, so gegen Mittag, kamen mal drei rüber und ham' uns angehauen. Jau, wie ich's gehört hatte - der Boss fand's hübsch, wie Bargo die anderen vermöbelt hat, und in seiner Truppe is'n Platz für so harte Kerle. Nie mehr schuften, so viel Brandt und Brot, wie man raffen kann, und von den jämmerlichen Dreckbuddlern und Holzhackern muss ersich dann auch nix mehr sagen lassen. Na, das war zumindest denen ihre Sicht. Zum Glück war seinen Schlägern selber nich ganz wohl, den Kniebart einzuladen, der erst gestern einem die Nase gebrochen hat, also kontnen wir sie mit'n bißchen Geschwätz und Buckel krumm machen wieder wegschicken, bevor der Zwerg was gemerkt hat. Aber natürlich lässt sich so'n Räuberjarl wie der Ziegenpeter nich abwimmeln, erst recht nich von Dreckbuddlern, und die würden wiederkommen. Musste also was getan werden. Na, was soll ich sagen, das war verflucht noch eins der mieseste Tag, den ich je hatte ... in der Woche.
* Was soll denn das heißen, Langbein?
** Ich glaube, du willst mich mit Absicht ärgern. Vergiss nur nicht, wer uns hier wieder rausbuddeln wird!
Ich bin gleich hin zu denen, mich umhören, statt auf sie zu warten. Das hieß dann also, blöde grinsen, alle Schläge einstecken, die sie zu verteilen hatten und meinen ganzen Kram rausrücken. Drei Flaschen guten Hobbit-Brandt aus der Stadt hatte ich noch, und'n Beutel Tabak. Alles draufgegangen. Aber sie haben geschluckt, dass ich für den Zwerg spreche, dass der sich zu fein ist, mit ihnen selber zu reden, und dass er mir halt eins drauf gegeben hat, bis ich das für ihn mache. Klar, das hätten die nich anders getan. Ich hab dann mal so getan, als ob er was rausschlagen will. Also, was krieg ich, was muss ich tun, wo schlaf ich, gibt's ne bessere Klinge, habter Weiber, mit wem habter euch angelegt - der übliche Kram. 'N bißchen so wie bei Jarls, wenn da einer Gefolgschaft schwören soll. Da tun 'se auch immer groß, und redne von Ehre und Treue und Rum und so, aber am Ende gehtÄs dann doch nur darum, wer wem wie viele Ochsen schuldet, und wann einer antanzen muss, für Dresche.
Hab auch 'n Blick in die Grube geworfen - Francesca war so schlau und hat der Schwarzblut die Klappe dicht gemacht, bevor die was sagen konnte. Die sahen echt übel aus, da unten, aber so'n paar von den Kerlen da, die sahen noch schlimmer aus. Ham' sich wohl drauf geeinigt, die unten nich anzugehen und was Essen runterzuschmeissen, dass sie nich zuviel Anlass ham, so richtig was zu riskieren (ausbrechen, das geht da nich, aber bei dem Versuch könnten sie ein oder zwei von den Wachen drankriegen). Geht natürlich nich ewig so weiter - hab was läuten hören, dass der Boss bald genug hat von seinem Spielzeug, und sie entweder absticht oder abschiessen lässt. (Mit dem selber hab ich natürlich nich geredet. Bin ja nich blöd.)
Ich dacht dann, ich hätt' sie mal soweit, dass sie die Einladung hübsch auf nächste Woche schieben, da steht auf einmal der verdammte Zwerg vor'm Tor! Der verrückte Zwerg*** hat spitzgekriegt, dass sie nach ihm gefragt haben, und natürlich isser los, sich mal nett zu präsentieren. Ich denk, nu isses aus, renn hin, buckel vor ihm, sag, ich hätt schon alles bequatscht, da tritt der Chef persönlich aussem Zelt. Und guckt rüber und grinst breit und sacht, dass er gleich sieht, was für'n kluger Kerl der Bargomosch is, und dasser gleich mal herkommen soll, Schluck mit ihm trinken, und dann könt' er bei ihm mitmachen. Freyas Schenkel, und der holt Luft. Wasser sagen will, kann ich mir denken - wenn's nich ne bescheuerte Forderung is, will er klug sein und erzählt 'ne völlig durchsichtige Lüge. Mir geht der Sack auf Treibeis, und ich denk nur noch, jetzt mach was, oder 's is aus.
Na, und da spring ich rein, und sag, so dümmlich wie ich kann, dass mein Boss leider nich Gemeinsprache kann, nur Zwergisch, aber dass ich sofort übersetz' Und Wunder aller Wunder, Bargo zieht mit! Krieg natürlich 'n Tritt, aber ich flüster und mach und tu und sag, mein Boss is dabei, und er nimmt gern 'n Schluck. Auch das krieg ich durch - obwohl's den Kerl schüttelt, sowas hab ich noch nich gesehen.*
Aber er is halt'n Zwerg, und so einer macht seine Arbeit zu Ende. Also geht er nochmal zurück und gräbt fertig, und morgen sagt er seinem Vormann, wo er sich die Mauerarbeit hinstecken kann. Für einen Moment hängt's nochmal - hätt zur einen oder ander'n Seite kippen können. Dann lacht der Peter, und als klar is, dasser das komisch findet, lacht der ganze Haufen mit. Meint zu mir, ich soll meinem Zwerg sagen, er könn't gern den ganzen Tag schuften, wenn er das will, und seinem Vormann morgen von ihm nochmal so richtig eins reindreschen. Und wenn der sich beschweren tät ... na, und dann grinst er ganz übel, und gefällt sich als großzügiger Jarl, den die Dreckbuddler fürchten.
So. Also so oder so, morgen geht's los. Die Schwächsten in die Grube zu schubsen, macht dem Bastard keinen Spaß mehr, und ich glaub nich, dass Bargo länger als wie einen Tag seine Klappe halten kann**. Am Abend sind wir entweder da raus, oder wir sind tot. Nachdem der Zwerg an dem Tag schon bei den Dreschern angetant sein sollte, liegt's wohl an, mir, diesen verfluchten Gang durch die Mauer zu Ende zu schlagen.
* Das war aber auch ein Gesöff. Dass ihr Langbeine sowas zustande bringt, da versteht man, wieso die Götter hier alle verbrannt haben.
* Und ob ich das kann. Du wirst sehen - ich werde so gewandt sein wie ein Elf. Und hab du mal keine Furcht, mach einfach die Arbeit zu Ende. Ich habe schon einen Plan.
Wir sind so, so, sowas am Arsch.
Blothgard, 25. Eismond, 15 n. E.
Ich bring ihn um. Wenn wir hier raus sind, dann bring ich ihn um.
Also, 's war alles am Platz. Bargomosch war bei den Ziegendreschern drin. Ich war in der Mauer, bei den Elefanten, Schutt schaufeln. (Darauf läuft's wohl immer wieder raus). Francesca und Z'gurushka waren im Loch, klar, aber wenigstens hatter Zwerg noch in der Nacht 'n Brief runter geworfen. Sie wussten, was kommt, und ...
Ich erkläre das mal. Wir hatten nicht sogleich verstanden, warum Bargomosch nun da oben steht, mit einem Gesichtsausdruck, als wäre ihm ein Eisen in den Darm gekrochen, und immer wieder sehr übertrieben mit den Schultern zuckt, wenn ihn jemand anspricht. Aber dass wir von dem Stein getroffen werden sollten, das haben wor recht schnell verstanden - Z'gurushka hat das übernommen.* Darin, tatsächlich so etwas Ähnliches wie eine Nachricht, mit einem simplen Plan: Wir sollten noch durchhalten bis zu dieser Nacht, dann würde er uns hinaushieven und es gäbe einen verborgenen Weg an den Wachen vorbei. Soweit, so gut (auch wenn mir natürlich tausend Wege einfielen, wie das schief gehen könnte); wir konnten uns vorbereiten.
In den letzten drei Tagen hatte der Räuberhauptmann immer weniger Gefallen an unserem Widerstand gefunden, und es war klar, dass er ihn wohl nicht mehr länger tolerieren würde. Um die Mission nicht zu gefährden, wies ich die Schwarzblut an, ein wenig schaustellerisches Geschick zu beweisen** - wir duckten uns tiefer unter den Steinwürfen, blickten trotzig, aber doch unterlegen zu seiner hässlichen Fratze hinauf und schlichen gepeinigt am Boden hin und her. Schwer genug, aber sie hat es verstanden. Das schien die Bande einigermaßen zu besänftigen. Niemand forderte nun endlich unser Blut, und der Oberschurke verlor bald die Lust an uns. Wir sammelten also zusammen, was auch immer uns nützlich erschien - hauptsächlich harte Dinge, mit scharfen Kanten - und hielten uns für den Schlag bereit.
* Zwerg wirft wie Elf. Ha. Musste springen, dass er den Kopf trifft.
** Ehrlose Arbeit, Schauspiel. Wie kann sein, was nicht ist? Schwarzblüter erzählen Geschichten auf ehrliche Art - mit Puppenspiel!
Geht's schon wieder los, mit Buchklau? Hätt ich sie man besser im Loch gelassen.
Na, es ging dann einigermaßen voran - die andern Mauerschufter ham' geholfen, sind anständige Leut, und Erik hat auch mit angefasst. Wir hatten Glück, die Bande war auf den Feldern, Bauern erschrecken, aber es hat dann doch bisses dunkel war gedauert, dann waren wir innen dran am Lager. So. Problem war, auffem letzten Stück war so'n Riesenbrocken. Wenn er wech is, isser Weg offen - aber das geht nur mit Ruck. Und Ruck ist laut. Ich schleich mich also zuück, lass mich von den Bastarden treten, und vom Zwerg vermöbeln (auch wenn ich ihm vorher sagen musste, dasser das machen sollte, für die Schau) und steck ihm, dasses erst morgen Abend geht. Und dann sacht er ...
So, ich hab das dem Langbein mal abgenommen, dass er auch nichts Falsches schreibt. Nun, es war klar, es ging um alles, und zwar so schnell wie möglich. Die beiden wären da unten nie noch einen Tag durchgekommen*, und überdies hatte ich es gründlich satt, für diese stinkenden, stumpfsinnigen Schläger den starken Zwerg zu spielen - ich bin gerade so darum herum gekommen, auf dem Feld einen alten Mann zu schlagen. Das macht man nicht, und das mach ich nicht mit. Also hab ich Olaf gesagt, der Plan steht, und er solle beruhigt sein, schließlich hätte ich da ja noch eine Idee. Auf mein Zeichen würde es losgehen.**
* Wir wären! War nicht mal großes Blut, da unten. Noch sieben Tage mehr, bestimmt.
** Mein Zeichen.
So, jetzt ist Schluss. Ich hab das Buch in den untersten Schacht mitgenommen - das erklär ich! Und es war mein Zeichen. Das hab ich noch gemacht, wenn schon alles andere nich mehr so ganz meins war.
Also, ich geh raus, schleich mich durchen Gang zurück und halt ganz, ganz still. Na, man musses dem Kniebart lassen, er hat kapiert, wie man die Bastarde anpackt. Hat 'ne Ladung Gebranntes aufgetrieben und 'ne Runde geschmissen.* Dann, als es dunkel war, esser irgendwo hin geschlichen, konnt's nich gleich sehen. HAt ne Weile rumfuhrwerkt. Dann kommt er wieder, hat'n Brand inner Hand, haut gegen 'n Fels und sacht, so, jetzt geht's los. Und wirft das Ding. Und alles dreht durch.
Ich werf mich ja sofort gegen'n Stein, mit allem, was ich hab'. Er zieht außen mit an. Ich seh also erstmal gar nix, nur Licht und Rufe und so Blöken. Aber dann bin ich durch, und ich seh das Schlamassel. Der bekloppte Zwerg hat nich nur sein beklopptes Pulver rausgeholt. Der hat auch noch'n anderes Pulver mit. Das erste gießt er im Ziegenpferch aus, und noch'n bißchen drumrum. Das zweite geht auf die Viecher. Thor weiß, warum die da stillgehalten haben. Und das erste knallt und zischt und brent, und das zweite, das raucht, und qualmt, und stinkt und brennt auch, nur langsam und so rot. Auf den Ziegen. Die rennen durch's Lager und amchen Terror. Und die Wachen rufen Angriff und sehen nix, und hauen auf alles drauf, und die Bande wacht auf, und macht dasselbe, und zwischendrin immer noch die Viecher, die brennen, und eins draufkriegen und schreien und draufgehn.
Die Ziegen. Vonner Bande vom Ziegenpeter. Der so heißt, weil das alles seine sind, und wenn einer welche hat, schnappt er die sich, und solange es keine guten Rinder in Blothgard gibt, sind die das wertvollste Vieh. Vor allem hier, auf dem kargen Land. Das is sein Reichtum. Nich das Gold, Korn oder der Schnaps.
Und Bargomosch hat dafür gesorgt, dass er und seine Leute die umhauen und wegjagen.
Rest ist schnell gesagt. Seil runter, Mädels rauf, raus durch'n Gang und hinter uns noch schnell das Ding wieder einstürzen lassen. Das hat'n paar Hiebe gebraucht, aber dafür war auch diht. Na, und als wir zurückkommen, da sagt's mir Erik schon. Dasser Ziegenpeter Blutrache geschworen hat, gegen'n Zwerg, die Schwarzblut und Francesca und überhaupt jeden, der da irgendwie mit drin steckte. Und dasser abhaut. Ans andere Ende von Blothgard. Rauf, auffe Klippen, annen Vulkan. In die Minen. Da findet ihn niemand.
Und ob ich mitkommen will.
Hab ich mir nich zweimal sagen lassen. Hat'n bisschen gedauert, aber ich hab die andern'n bearbeitet, bisses eingesehen haben.** Und dann Erik und die Mauerelefanten wieder bearbeitet, bis sie uns alle ham mitkommen lassen. Und jetzt hocken wir hier unten, und morgen geht die Schufterei innen Stollen los, und draussen is Blutgeld auf uns ausgesetzt und ich denk mir nur, warum mach ich diesen ganzen Schiet immer mit.***
* Feinstes Stollenfeuer. Zwei Flaschen hatte ich noch. Was tut man nicht alles.
** Am Ende waren die Argumente, zugegebenermaßen, überzeugend. Sogar für die Schwarzblut. Aber ausgerechnet in so eine stinkende, verdreckte Mine - das nächste Mal wähle ich unser Exil.
*** Ich weiß, warum.
Wenn sie denn wenigstens mal aufhören würden, mein Tagebuch zu klauen ...
Olafs Saga - Woche 4
Blothgard, 26. Eismond, 15 n. E.
Es ist dunkel, es ist stickig und es ist nass. Aber warm haben wir es, das zumindest.
Weil's ja kaum einen Tag her ist, dass sich mein Haufen mit dem schlimmsten Schläger der Neustadt angelegt hat - schon wieder! - hab ich mang dafür gesorgt, dass wir'n Kopp unten halten. Wortwörtlich. Die Mine is zwar eigentlich 'n Stück über der Stadt, aber unten sind wir. Fast wie im Kanal. Nur riechen tut's besser ... 'n bisschen.
Wunder aller Wunder, diese blutgierigen Irren* ham mal auf mich gehört, und wir sind noch gestern Nacht hier rauf, mit allem was wir tragen konnten. Glück, dass Erik einen kannte, der einen kennt. Glück auch, dass der Vormann hier nich viele Fragen stellt. Wir können was arbeiten, wir wollen nich viel Korn dafür, und wir können gleich anfangen. Passt ihm. Hat uns sogar erlaubt, hier unten zu schlafen (schön weit weg von den Halsabschneidern, die sich das Koppgeld verdienen wollen). Denkt wohl, je schneller wir morgens da sind, desto mehr können wir schuften.
Na, also die Mine. Wusst ich bis gestern nicht mal, dass das da is. Aber 's gibt hier gut Eisen, nah annem Boden oben. Natürlich kacken mir die Götter gleich wieder eins drauf, und das Eisen gibt's wohl darum, weil da 'n Vulkan is. Jap, gleich direkt hier neben dran. Aber der Vormann - 'n Flachländer mit Namen Waldo oder so was - meint, das geht schon in Ordnung, der wär' ewig nich ausgebrochen. Also zumindest, als das Volk noch hier war, dass was das Feuer angebetet hat. Juchscheissassa.
Sieht man mal vonnem feurigen Tod ab, isses nich übel. Weil's Eisen so flach unter'm Boden is, is das gar nich die schlechteste Mine - Luft ist stickig, aber nich schlimm, fast jeder Gang führt irgendwo an die Sonne, und weil der Berg nun mal löchrig is, wie er is, muss man gar nich so viel graben, um an das Zeug zu kommen. Kann nich schaden, denk ich mir. 'S stehn hier oben 'n paar Hütten, neue, von uns, dann noch so was alte Steinhäuser, das war'n wohl Tempel für'n Feuergott, und 'ne Schenke. Jau, se ham 'ne Schenke hier oben. Muss man die Arbeiter hierbehalten, weil, in die Stadt geht's runter, die Treppe (das Ding, das was von allein rauf und runter fährt, is kaputt) und da willste echt nich langgehen, mit'm kleinen Tanz im Schritt.
Heute ham' wir uns erstmal umgetan, das alles angeguckt. Nur Bargo is gleich runter, der findet das Buddeln ganz toll.** 'S passt mir gut, da meckert der Vormann nich, und man kann mang in aller Ruh die Wege angucken. Erik meinte zwar, hier oben folgt uns keiner nach, aber ich denk mir, wenn der Ziegenpeter so sauer is, wie die das sagen, gibt's ordentlich was für unsere Köppe. Zehn zahme Ziegen, zumindestens.
Also, das isser Plan. Kopp unten halten, sich nich abstechen lassen, Arbeit machen. Wenn'wer Glück ham, is die Sache inner Woche wieder raus. Solange meine Leute stillhalten.
Kann ja nur schiefgehen.
* Muss wissen, wann Blut nehmen, wann Beine in Hand. Zehn Horntiere auf einen Kopf - Bein-in-Hand-Zeit.
** Aber natürlich tut er das! Endlich einmal richtige Arbeit. Auch wenn das hier ... also, ich meine, sie nennen es eine Mine. Eine Mine! Na, man nimmt, was man kriegen kann. Nur eines wundert mich: So leicht man hier auch an das (mittelmässige) Erz kommt - unten in der Stadt liegt doch verhüttetes Eisen in jedem Haus. Warum schmelzen sie nicht einfach das ein? Man muss es nur einsammeln. Kann unmöglich schon alles weg sein. °
° Der Zwerg hat recht! Das ist doch absurd, hier zu schürfen - da geht doch etwas nicht mit rechten Dingen zu. Da wäre eine investigatio zu bedenken ...
Oh nein, oh nein, oh nein, oh nein!
Blothgard, 27. Eismond, 15 n. E.
Heut' ging's dann ans Schuften. Zur Abwechslung.
Na, aber ich hab's ja schon geschrieben, es könnt' schlimmer sein. Was so 'ne richtige Mine is, die is unter Tage und da kann man kaum atmen drin. Licht hat's auch keins. Hier isses zumeist nur'n paar Schritt vom nächsten Eingang weg, und kaum mal mehr als sechs Schritt unter'm Boden. Der is auch weich, hier oben, man kommt gut durch. Nicht mal Kinder haben sie hier, weil sich's einfach nicht lohnt - das sagt der Waldo*, jedenfalls. 'S gibt 'n paar Schächte, die für'n tiefer (in einem davon schlafen wir), aber das ist die Ausnahme.
Ansonsten hat man hier 'nen weiten Blick, über's ganze Tal, bis hin zur See. Is meistens so ein Graubraun. Die Stadt is rosa, rot und weiß, und zwischendrin is die Siofra so'n ganz schmales, blaues Band. Grün is nur ab und zu. Hinter uns geht's dann weiter, aufs Gebirge zu, und da wird's schnell steinig. Jenseits davon is wohl das Rosenland, aber da gibt's einfachere Wege, da hinzukommen. Also, vielleicht nich der hübscheste Ort in dieser Stadt, aber bestimmt der sicherste. Her kommt man nur rauf über die Treppe (das Ding, das was rauf und runter fährt, das bleibt wohl kaputt), und da sieht man jeden von weitem kommen. Ich denk ' mal, 's lässt sich aushalten. Gut, Korn, Schnaps und Tabak müssen'se raufschleppen, aber dafür hat's hier oben sogar Wasser - dieses Steinding, das wo das Wasser in's Tal fließen lässt, das geht hier los. Is nur unten wenig, für uns hier oben reicht's.
* Mit Namen hast du es immer noch nicht, oder? Waldomir von Wagenhain, ehemals Rittmeister des Barons von Wagen-Anhalt. Na, vielleicht hat er dir das auch nicht auf die dreckige Nase gebunden.
Zum Glück sind die beiden Männer in meiner kleinen EInheit so gut an meniale Tätigkeiten gewöhnt, da hat man Zeit, sich ein wenig mit angemesseneren Dingen zu beschäftigen. Schlimm genug, dass wir nun in diesem Miniatur-Exil sitzen (aber mit einem Kordon Schuldner und einem blutrünstigen Barbaren auf den Fersen wohl unvermeidbar) - da muss ich nun wirklich meine Hände nicht auch noch mit dreckiger Arbeit beflecken.°
Ich habe ein wenig mit dem guten Herrn von Wagenhain geplaudert; diese Sache mit den Eisenwaren ging mir nicht aus dem Kopf. Ich will gerne zugeben, dass ich lediglich von den Endprodukten etwas verstehe, jedoch erscheint es mir noch immer seltsam, dass wir das Rohmaterial hier aus der Erde wühlen, wo es doch so viel ungenutztes, verfertigtes Eisen in der Stadt zu haben gibt. Er konnte mir aber nur bedingt helfen - es ist eben Anweisung der Herrschaft, und er konzentriert sich primär auf die Lenkung der naturgemäß faulen Arbeiterschaft°°. Zugegebenermaßen eine anspruchsvolle Aufgabe. Jene Herrschaft ist leider absent, und so hatte ich zunächst die Absicht, selbst einige Inquirierungen zu unternehmen, jedoch verhindert das der Zwang zur Verborgenheit ebenso, wie mein Mangel an Erfahrung in der Konversation mit niedriger stehendem Volke.
° Was soll'n das heißen? (Ha! Ich kann auch wem was reinkritzeln.)
°° Holla, Frau Nasehoch. Zu denen gehörst du jetzt auch - oder solltest es, jedenfalls. Wennde mal anfängst, die Hacke zu schwingen, und weniger rumstocherst, in Sachen, die uns nix bringen, dann wär'n wir hier besser dran.
Typisch für die Denkfaulheit der Mannschaften. Ich finde die Aufteilung der Arbeiten momentan höchst passend. Obgleich, was das Verständigungsproblem angeht, kommt mir hier gerade eine Idee.
Will die Irre doch glatt, das ich jetzt rumfragen gehe. Oh nein. Diesmal nich. Von einem Ärger zum nächsten. Da kriegt mich keiner zu!
War das Herausforderung? Eisenfrage ist langweilig, aber Steinebrechen auch. Und Mannbrechen, ist nicht langweilig.
Ich schwöre, das wird das letzte Mal. Das allerletzte Mal, aber wirklich.
Blothgard, 28. Eismond, 15 n. E.
Heut bin ich mal runter, in die Stadt. Hab mir dafür den Bart abgeschnitten! Verfluchtes Koppgeld.*
Aber 's muss mal einer runter, von uns, zum Schnuppern. Hat sich niemand hier oben gezeigt, und wir wissen nich, was die wissen. Na, nich mal, ob's wirklich jemand gibt. Erik will seinen Kopp noch'n bisschen unten halten, die andern kann man nich übersehen, aber ohne Bart seh ich aus wie'n anderer Nordmann. Nur halt ohne Bart. Hab mir auch was Sachen von Erik angezogen, und die Schwarzblut hat mir'n Kopptuch gegeben. Mutter würd' mich nich erkennen.
Hätten uns vielleicht gar nich so große Sorgen machen brauchen. Hier unten redet kein Mensch von den Sachen von vor der Mauer. 'S geht um's Wasser, um den Rat, ob's bald wärmer wird, ob die Schiffe kommen, und wer hier noch alles herzieht. Hab mal vorsichtig rumgefragt, ob sie was vonner Aufregung anner Aussenmauer wüssten, aber da kam nix. Na, trotzdem, lieber vorsichtig bleiben.
Hab mir was Silber und'ne Pulle Schnaps geben lassen, von dem Waldmireinen, dem Vormann.**, Besorgungen machen. (Silber wird noch meistens genommen, aber Schnaps nehmen sie lieber. Das is hier fast so was wie'n echtes Geld geworden. Rum zieht am meisten, dann Kornbrandt, dann Kartoffelbrandt. Met nehmen sie nich so gerne, aber ich weiß nich, ob die kein Geschmack haben, oder ihn lieber trinken.) Na, und dabei frag ich die Krämer bisschen aus, was die für's Eisen geben, wer da noch alles schmilzt, wo man das billigste herkriegt, ob unser's was taugt - Plaudern, halt. Und die sagen, 's kommt fast alles von uns, da werkt niemand sonst dran. Schmiede gibt's viele, grad' inner Oberstadt, aber Schmelzer gibt's nur uns. Ich mein, klar, 's Werkzeug liegt hier überall rum, braucht man nur nehmen, aber mehr Eisen könnt's trotzdem brauchen. Nägel und Spangen, da braucht's ständig neue. Und Rüstzeug - ich seh kaum einen, der sich bei den Rüstkammern hier bedient. Schon, weil's Zeug nich so recht passen will, zu den Menschen.
Ich geh' heut nachmittag nochmal. Schon komisch.
*Wohl gesprochen. So etwas sollte niemand gezwungen sein, sich anzutun. In der Binge könntest du dafür drei Tafeln Silber Bartgeld fordern, von diesem Langbein.
** Ich glaube wirklich, du tust das mit Absicht. Diese Anarchie hier, die tut euch Gemeinen nicht gut.
Macht man sich einmal Gedanken, isses gar nix. Bin runtergegangen (die Stufen ziehen einem nach einer Weile aber in den Beinen), in die lange Gasse, wo unser Lager mal war. Nennt sich jetzt "Künstlerviertel". Schon einiges passiert, die letzten Wochen. Mehr Leute, überall. Nich nur Schuttschaufler und Plünderer, auch Kleinkrämer, Röstbuden, sogar Spieler, Tänzer und Schausteller. Und mehr Farben. Hab ich letzten Monat nur auf'm Markt gesehen, so. Na, Mistfliegen hat's auch mehr - die wollten mir dreimal den Beutel abzwicken. Ham's aber wieder gelassen - wohl gemerkt, das nix drin war. Nur mein schöner Beutel hat nu 'n Riss in der Schlaufe. Und natürlich hat niemand nix gesehen.
Aber sonst isses hübsch, da. Hätt ich mehr Silber oder 'n paar Flaschen, ich würd mal'n Abend bleiben. Nu, auf jeden Fall hab ich 'n paar von den Türbrechern gefunden, die damals die Häuser abgesucht haben, nach Wertvollem. Die ziehen jetzt auch weiter, aber haben mir erzählt, dass das Eisen wirklich niemand schmilzt, dass sie finden. Na, und das hat natürlich 'n guten Grund: Is nämlich verflucht. Scheint's, die Geister hier können vieles ab, aber nicht, dass man ihre Sachen ins Feuer tut. Dem einen, der's versucht hat, is die Hütte abgebrannt, und dem andern hat irgendeine dunkle Kraft das ganze Werkzeug zerhauen, als er mal weg war. Und Botschaft hat man auch gefunden, mit Blut anne Wände gemalt! Sagen sie zumindest. Deswegen macht sich da niemand dran. Schlecht für die, gut für uns - so gibt's in der Mine was zu tun. Dach ich's mir doch, dasses da 'ne ganz vernünftige Erkl
Addendum, derselbe Tag:
Wir sitzen im Spital, vor einer halben Stunde hat man uns Nachricht gebracht. Zum Glück war der Nordmann schon so oft hier, sonst hätten sie ihn wohl nicht erkannt. Er ist auf der Straße gefunden worden, mit einem hässlichen Schlag gegen den Schädel. Wertsachen fehlen keine - sehr merkwürdig. Diese O'Kosch-Ärzte hier meinen, er würde wohl bald wieder auf die Beine kommen, aber einstweilen wäre es riskant, ihn zu wecken. Sein Tagebuch hatte er bei sich - er muss wohl beim Eintrag überrascht worden sein. Diese Sache wird immer seltsamer.
Ich habe beschlosen, dem Ganzen nachzugehen. Olaf war schon immer ein wenig übervorsichtig, ich denke, wir haben uns lange genug versteckt.*
* Wenn du dir da sicher bist - ich nehm's mit jedem auf, aber diese Langbeine kämpfen dreckig. Keine Lust auf eine Klinge im Rücken. °
° Wir gehen. Niemand haut Olaf, außer mir.
Blothgard, 01. Blütenmond, 15 n. E.
Gestern Nacht fiel ein Nordmann in Blothgard. Jemand weiß warum. Jemand weiß es.
Und wir werden es herausfinden. Olaf - er braucht sein Tagebuch derzeit nicht (und sollte daran gewöhnt sein, dass wir hineinschreiben) - wird irgendwan wieder aufwachen. Und dann werden wir ihm einen Namen nennen.
Wir haben einen Anfang, das zumindest. Irgendwo in diesem Künstlerviertel hat er mal gewohnt, und dort war er zuletzt. Die Heiler können uns nicht mehr sagen - sie arbeiten mit dem, was man ihnen bringt, und stellen keine Fragen. In dieser Stadt vermutlich das Sicherste.
Wir gehen hinunter, in seine Straße, und arbeiten uns von Tür zu Tür.
War kurz, für Soldfrau. Geht ihr stärker auf das Gemüt, als sie zeigt. Uns allen.
Und seit wann ist die Schwarzblut so feinfühlig? Aber es stimmt - das hier geht gegen uns alle.
Volk auf der Straße hat natürlich nichts gesehen, nichts gehört. Die Huren und Bettler und Spieler sehen schnell, das wir ihnen nichts geben wollen, und machen die Mäuler dicht. Z'gurushka versucht ein paar Mal ihr Glück mit dem verbalen Brecheisen, aber da flattern sie nur auseinander, und später müssen wir selbst verschwinden, wenn die Beschützer aufkreuzen. Druck bringt uns hier nicht weiter. Vielleicht Gold.
Mein Gold, genau gesagt. Oder das Nächstbeste hier, Brandtwein. Tut einem in der Seele weh, das an die Halsabschneider hier wegzuwerfen, aber es hat was gebracht. Diese Langbeine haben Angst; wer auch immer das war, gehört zu den harten Kerlen hier. Nun gut, ich weiß, wo diese Art Volk sich trifft.
Der "Durstige Wurstfisch" - die schlimmste Kneipe von hier bis Porto Leonis. Die Barden spielen hinter einem Netz; und das auch nur, weil es kein Drahtgitter gibt. Jede Nacht verliert irgendwer seine Zähne, und es vergeht keine Woche, ohne dass sie einen hinaustragen. Hier sammelt sich der Bodensatz, der schlimmste Dreck von Blothgard. Nur dass es kein Bodensatz ist - in dieser Stadt schwimmt der Dreck oben. Wir gehen rein, bestellen eine Runde, horchen den Wirt aus und vielleicht ein paar Patrone. Irgendwer hat bestimmt etwas gehört, und irgendwer prahlt immer.
Hart war's. Zu hart für Zwerg und Mensch. Wir reden, keiner weiß was. Keine Angst, die, anders - Nordmann unter ihrer Würde. Hätte keiner geschlagen, für Geld. Mir wachsen die Zähne, beim Menschengeprahle. Dann redet Francesca von Eisen, plötzlich still. Wir wissen, sie wissen. Sie nicht sagen. Ich sag, sie feig. Dann geht Schlägerei los. Jetzt liegen sie draussen, mit Beulen. Ich hol Wasser.
Das Eisen, irgendwas ist mit dem Eisen. Auf einmal kriegen auch gestandene Krieger kalte Füße. Und Olaf sollte nach dem alten Werkzeug fragen. Wir gehen zu dne Schmieden - sie müssen etwas wissen. ich schicke Bargomosch vor, er spricht ihre Sprache.
Verfluchtes Menschenpack, keine Ehre im Leib! So etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt. Wir kehren an die lange Straße zurück, die mit den Sonnenzeichen an den Wänden. Hier sitzen viele Schmiede (weil das Feuer angeblich heißer brennt). Ich plustere mich auf und gebe den Meisterzwerg, in der Esse geboren. (Muss ja keiner wissen, dass Vater ein Schafhirte war.) Wieder sind sie alle verschlossen, kaum, dass wir nach dem Alteisen fragen. Aber ein Lehrling sagt mir, sein Meister würde mit uns reden. Ist wohl vor kurzem erst hier eingetroffen, und hat sich dieselbe Frage gestellt. Und dann treten wir in die Werkstatt, und da liegt er schon - sie haben ihn mit seinem eigenen Hammer erwischt. Sein eigener Hammer! Das ist eine Schande, eine verdammte. Aber nicht mit uns - diesmal haben wir eine Spur. Die Tür war verschlossen, die Fenster vergittert. Aber das linke, da war der untere Stab locker. Kein Zwerg oder gar was Längeres würde durchpassen, aber ein Kind vielleicht. Die Langbeinfrau ist auf jeden Fall aufgeregt.
Klein, aber kräftig, heimlich, aber gewalttätig. Wir haben unser Ziel - nur ein Halbling ist zu so etwas fähig.
Morgen gehen wir in den schlimmsten Teil von Blothgard. Morgen gehen wir nach Hobbingen.
Blothgard, 02. Blütenmond, 15 n. E.
Es heißt, wenn ein Halbling fällt, fällt er besonders tief. Und diese Grube hier geht weit nach unten.
Es sind nicht die Augenpaare, die uns aus allen Löchern anstarren. Nicht das Zischen und Knurren, das immer direkt hinter einem zu sein scheint. Nicht einmal das Glitzern von kleinen, scharfen Metallgegenständen in der Dunkelheit. Nein, es ist der Geruch, der einen fertig macht.
Ein Schlachter, der etwas auf sich hält, lässt das nicht zu. Er wischt durch, spritzt ab, und schrubbt das weg, was er den Tag über vergossen hat. Sauber, als ob das Fleisch ganz ohne diese scheussliche Arbeit entstanden wäre. Aber nicht hier. Hier sind sie stolz auf ihr Handwerk. Man riecht das Blut, bevor man es sieht. Am Boden, an den Wänden, in der Luft. Altes Blut, und neues. Von Tieren, wenn man Glück hat.
Wir gehen weiter, langsam, aber entschlossen. Wenn wir Schwäche zeigen, überleben wir keine Stunde. Noch hat keiner von den kleinen Bastarden Lust, der erste zu sein. Z'gurushka zeigt Zähne, aber ich kann den Schweiß auf ihrer Stirn sehen. Was nützt dir die doppelte Größe, wenn dir der Feind direkt an den Beinen klebt - und sich nicht drum schert, ob er blutet?
Ich klopfe ihr auf den Rüücken. Kaum einen Augenblick später tritt mir Bargomosch gegen das Schienbein - die Garotte hing auf Kopfhöhe. (Für Menschen, heißt das.) Noch ein Schritt weiter, und irgendwo in diesen Rattenlöchern hätten zwei ganz fest am Seil gezogen. Wir hören Schritte, in der Ferne, die langsam leiser werden.
Gerade als ich mich frage, wie wir nun weitermachen sollen, hören wir von hinten ein Schaben auf dem Stein. Sie sind zu viert - räudig, in Lumpen. Ihre Waffen sind rostige alte Nägel, Keulen, Steine, in eine Socke gestopft. Hier hat es nicht mal für Messer gereicht. Als sie näherkommen, kann ich ihren Atem riechen. Es riecht nach Fäulnis, verrottendem Fleisch und Alkohol. Darum sind sie so mutig.
Die Schwarzblut zeigt ihr Zähne - ich kann nicht sagen, ob sie wirklich so sicher ist, oder es sich nur selbst einreden will. Ich fühle mich besser, ein wenig. Als Bargomosch den Hammer aus der Schlaufe zieht, und ich nach den Dolchen taste, sage ich mir noch einmal, dass ich nicht auf ihr Aussehen hereinfallen darf. Kinder - sie sehen wie Kinder aus. Aber es sind keine Kinder. Bestimmt nicht. Wenn ich zögere, bin ich tot.
Es geht schneller, als ich befürchtet habe. Z'gurushka tritt einem gegen den Schädel, dass er blutend liegen bleibt, und die anderen nehmen Reissaus. Sie schlagen nur zu, wenn sie in der Überzahl sind, oder ein Trick dabei ist. Vielleicht warten ihre Kumpels im Schatten der Gasse dahinten, aber wir verfolgen sie nicht. Die Schwarzblut tritt noch einmal gegen den Schädel, und ein Abszess platzt auf. Das Geräusch ist beinahe angenehm.
Dann sehe ich, wie aus hinter einem alten Bettuch, dass jemand als Vorhang in eine Hausöffnung gehängt hat, eine Hand nach uns winkt. Der Zwerg schaut misstrauisch, aber ich weiß, dass es keine Falle ist. Wir haben den Test bestanden.
Der Boss ist doppelt so breit wie alle anderen. Wenn ein Halbling in Blothgard fett werden kann, hat er entweder viel Glück, oder keine Skrupel. Der hier sieht nicht glücklich aus, obwohl er die ganze Zeit grinst. Schon nach wenigen Minuten, in denen ich dieses feiste, selbstzufriedene Gesicht sehen muss, will ich mich nur noch waschen. Stundenlang.
Wir geben die harten Söldner, und er bietet uns alle möglichen Geschmacklosigkeiten an. Ich muss meine Hand auf Bargomosch's Schulter drücken, als er seine Schwester ins Spiel bringt. Aber als wir nach dem Attentat auf den Schmied fragen, wird sogar diese Ratte plötzlich ganz still. Ich nehme meinen Mut zusammen, und bluffe - die Söldnergilde und ich, wir sind keine Freunde mehr, aber hoffentlich weiß das der Schmierlappen nicht. Es wirkt - sie können es sich nicht leisten, so zuverlässige Lieferanten zu verärgern. Er windet sich noch ein bißchen, dann gibt er es zu: Einer von seinen Leuten hat den Auftrag erledigt. Was den Auftraggeber angeht - ich muss ziemlich dämlich dreingeguckt haben. Wer hätte gedacht, dass es in Blothgard eine Stadtverschönerungsgesellschaft gibt?
Z'gurushka glaubt kein Wort, und will sich aufplustern, aber ich trete ihr auf die Füße. Die Ratte hat nicht genug Fantasie, um sich so etwas auszudenken. Und ihr zweiter Hinweis klingt noch plausibler. Diese Gesellschaft arbeitet mit dem Wissen des Rates. Die Sache geht nach ganz oben.
Wir bedanken uns artig, und lehnen die Pastete ab, dann machen wir, dass wir hier rauskommen. Morgen geht es zur Agora. Nachdem wir ein Bad genommen haben.
Zwei Bad. Scheiss auf teures Wasser. Ich zahl.
Blothgard, 03. Blütenmond, 15 n. E.
In Blothgard geht es nicht höher hinauf als bis in den Provisorischen Rat. Zumindest nicht, ohne auf dem Schlachtfeld gekämpft zu haben.
Aber selbst da sieht man kaum einen ohne Waffe am Gürtel und entsprechender Reputation. Der Pakt ist nun mal ein Kriegerbund, und selbst in ganz und gar unkriegerischen Angelegenheiten müssen die Kämpfer immer mitbestimmen. Die meisten davon haben natürlich wenig Geduld für Marktrecht, Zollvereinbarungen oder Wasserrohrkonstruktion, und darum kommt der Rat nur zusammen, wenn es etwas besonders Beeindruckendes zu entscheiden gibt. Oder eine Krise ansteht, weil sich niemand um die Märkte, den Zoll und das Wasser gekümmert hat.
Wir haben uns deswegen entsprechend ausstaffiert. Bargomosch trägt seinen Hammer (man erkennt nicht so leicht, dass es eigentlich ein Zimmermannswerkzeug ist), Z'gurushka hat sich greulich angemalt und von irgendwoiher einen Haufen Messer aufgetrieben, die sie sich an den Gürtel gesteckt hat, und ich nehme meine alte Klinge und die Stücke Leder, die ich noch übrig habe. Wir sehen zumindest ein bißchen aus wie Berufskämpfer.
Der Ratsplatz liegt im Nordviertel der Oberstadt. War wohl mal ein Ort, an dem die Truppen aufmarschiert sind und das Volk seinen Herrschern zujubeln kann. Es gibt immer noch eine breite Tribüne, an der Westseite. Aber den Rest haben sie blutpaktgemäß umgestaltet - Reihen an Bänken und Liegen unter Zeltplanen, dazwischen Feuer und in der Mitte ein Hügel aus ... Müll. Alle hocken drumrum, und der, der gerade wichtig ist, kann sprechen. Danach wird ihm zugejubelt, oder sie werfen ihm Sachen an den Kopf. Je nachdem, wie er sich anstellt. So ähnlich läuft es auch mit dem Beitritt: Jeder, der nicht wichtig genug aussieht, wird von einem, der dabei ist, und zeigen will, wie toll er ist, meistens schnell angegangen. Hat er keine Freunde, wird er vom Platz gejagt, damit die Eingeschworenen unter sich bleiben können.
Wir hocken uns hin, kauen zähes Dörrfleisch und versuchen, gefährlich dreinzuschauen. Bis zum nächsten Treffen sind es noch Stunden, aber deswegen sind wir nicht hier. Es gibt zwar keine Stenografen oder so etwas - gerade, dass man die paar Gesetze festgehalten und ausgehängt hat - aber nicht alle mächtigen Gruppen, die hier mitmischen, sind so demonstrativ ungebildet. Da wäre natürlich die Gilde, aber von denen sollte ich mich lieber fern halten. Wir halten also die Augen offen, und wirklich: Nach etwa einer Stunde kommen ein paar von den Schwarzkutten an, und bringen Papier und Tinte mit. Die sind genau richtig - jetztmüssen wir sie nur noch dazu bringen, uns ihr Archiv zu zeigen.
Ich hab gesagt, ich mach's. Wer den Tag mit Rumkritzeln vergeudet, der kann ja nicht so hart sein. Sobald es losgeht, und alle abgelenkt sind, schleich ich mich rüber und plaudere mal freundlich mit dem Burschen, der die Feder führt.
Das wäre beinahe schiefgegangen! Natürlich muss er hinüberstolzieren, als wäre er mitten auf einer Hofgesellschaft. Keinen Funken Subtilität in dem Volk. Und nachdem es auch jeder mitgekriegt hat, lassen die sich nicht im geringsten einschüchtern, sondern winken zwei Burschen in Kettenhemd mit Schwert und langem Schild herbei. Wäre beinahe schiefgegangen, aber er war so klug und hat den begriffsstutzigen Stollenzwerrg gespielt*, frisch aus der Mine gekrochen und keine Ahnung von der Oberwelt. Sie haben es geschluckt, und er ist später im Durcheinander abgetaucht. Nicht schlecht, aber wie kommen wir jetzt an ihre Aufzeichnungen ran?**
* Wie soll ich ahnen, dass diese Langbeine Knochen im Leib haben? Sehen aus wie käsige Griffelschubser - na, aber sie sitzen hier, hätt ich vielleicht misstrauisch sein sollen. Zum Glück glauben sie einem immer noch sofort, dass man als Zwerg ein wenig langsam ist. "Wollte nur sehen, wie er seine Runen zieht, so ohne Hammer und Meißel" - ha! Dämliche Langbeine.
** Ich mach. Dünner Mann mit Feder, er guckt auf Spalte im Leder, an mein Bein. Ich red mit ihm, mach dass er redet.
Ich weiß nicht, wie sie es angestellt hat - und ich glaube, ich will es auch gar nicht wissen*. Wir treffen uns in einer Stunde mit diesem Mahmoud, dann wird er für uns die Notizen aus den alten Sitzungen dabei haben. Es würde mich doch sehr wundern, wenn man nicht zumindest einmal über diese ominöse Gesellschaft gesprochen hat.
* Männer sagen immer, wollen Elfe. Lügen. Wollen Ork. Was mit Biss.
Volltreffer. Es hat zwar ein wenig gedauert - und Zwerg und Schwarzblut haben die ganze Zeit über lamentiert - aber nachdem wir uns durch die Aufzeichnungen gearbeitet haben, haben wir es gefunden. Sie haben diese Sache gelich am Anfang besprochen, als hier noch nichts war außer Gräbern und leeren Gebäuden, aber es gibt in der Tat eine "Gesellschaft für besondere Angelegenheiten" - eine davon ist die "Arbeit an der Verbesserung des Stadtbildes". Wissen die Götter, was sich hinter dieser Nebelwand verbirgt - wichtig ist, dass wir eine Adresse haben. Einer der ersten Paläste, die in Besitz genommen wurden. Jetzt müssen wir da nur noch hineinkommen.
Mir egal, wie - graben, aufbrechen, reinkämpfen. Nur bitte nie mehr wieder durch hunderte Seiten eng bekritzeltes Papier wühlen. Das ist eines Zwergen unwürdig und außerdem gegen das Folterverbot!
Stimm zu. Lieber hundert Kanalspinnen, mit Feuergeistern obendrauf, als noch einmal
Recherchearbeit.
Blothgard, 04. Blütenmond, 15 n. E.
Mein kleiner Trupp hier wollte losstürmen, kaum, dass wir die Anlage gesehen haben. Zum Glück habe ich sie noch rechtzeitig aufgehalten.
Hier oben sind die mächtigsten, größten Fraktionen im Pakt unter sich. Da gibt es keine Grüppchen von Söldnern und Plünderern, die sich irgendwo breitmachen. Damals, in den ersten Tagen, haben sie diese großen, alten Häuser hier in Besitz genommen, und jetzt geben sie sie nicht mehr her. Wer hier wohnt, hat entweder disziplinierte Soldaten, oder ihre Krieger sind so loyal, dass sie der Jarlin auch das Haus bewachen. Wir sehen zum ersten Mal, seit wir die Stadt betreten haben, Wachen, die so etwas Ähnliches wie Patrouille gehen.
Ich halte also die Hitzköpfe im Zaum, und wir sehen uns das Haus mal an. Nichts Besonderes - ein kleiner Palast unter vielen, mit Säulengängen, Mauer darum, Garten im Inneren. Nicht so viel los da - es scheint niemand bestimmten zu gehören, aber auch hier sind Bewaffnete am Tor. Sehen wir mal, ob man aus denen was rausholen kann.
Also gut, dies für's Verzeichnis. Nicht alle Männer wollen Orks*. Gut, dass wir aus unserer Kanalzeit noch gelernt haben, wo überall die Einsteige sind. Wir warten, bis die Aufregung sich gelegt hat, dann schauen wir nochmal. Und die Schwarzblut zieht sich ein Tuch über.
* Pah! Manche wissen einfach nicht, was gut ist.
Wieder ein Fehlschlag. Mit denen ist wirklich nicht zu reden. Sie haben Anordnung, niemand reinzulassen, also lassen sie auch niemand rein. Das ist beinahe wie in einer echten Stadt hier. Aber wenigstens konnten wir uns das Ganze mal ansehen. Die Mauern des Seitenflügel grenzen an die vom Nachbargebäude. Vielleicht haben wir mehr Glück - das muss dann aber mal sitzen.
Bargomosch sagt, er hat eine Idee, und ist ein paar Sachen holen gegangen. Ich bin mit Z'gurushka einige Straßen weiter gegangen. Es ist schon unheimlich hier: Die ganze Stadt voll mit offenen Türen, geteilten Feuerstellen in den Gärten, Häusern, in denen fünf, sechs Gruppen miteinander wohnen, vielleicht sogar die Wände rausgeschlagen haben, und hier sieht das aus, als wären wir in irgtendeiner Oberstadt der alten Welt. Vielleicht noch, dass sie hier mehr Farbe im Gesicht und weniger darunter tragen. Bargomosch kommt die Straße rauf - hat er da etwa unser Werkzeug dabei?
Ich kann nicht glauben, dass das geklappt hat. Nicht mal, dass sie uns reingelassen haben, als wir gesagt haben, wir sind hier, um die Rohre zum Kanal wieder freizulegen. Oder dass sie uns unbeaufsichtigt durch die Villa von ihrem Häuptling spazieren lassen. Aber dasas sie es dem Zwerg abnehmen, wenn er sagt, die Geräusche, die entstehen, wärhend wir uns durch die Wand hämmern, die sind völlig normal für so eine Arbeit, das muss doch irgendwas im Wasser sein!
Der Nordmann hat mal gesagt, niemand achtet auf einen, der irgendwo was arbeitet. Hat er recht damit gehabt. Diese Langbeine hier haben doch nie was anderes getan, als zu kämpfen, zu feiern, und dann mit ihren Siegen zu prahlen. Was wissen die, wie eine Ausschachtung klingt?
Wir sind durch - wir verschwinden einfach rein. Ein Tuch über dem Loch, und dann losgelaufen. Dahinter ist es dunkel, und es klingt nicht so, als ob hier jemand leben würde. Die finden uns nicht so schnell wieder - wenn sie uns überhaupt folgen. Ich habe den Verdacht, sie werden uns nach einer Stunde Stille vergessen haben.
Viele alte, leere Räume. Wir haben die Gräber gefunden, in denen die Diener die hier lebende Familie gelegt hat - Z'gurushka hat was von Flüchen gefaselt, also habe ich eben nur den kleinen Silberring mitgenommen*. Aber es gibt Anzeichen, dass sich hier ab und zu Leute treffen. Wir durchsuchen noch den anderen Flügel, dann schauen wir mal nach oben ...
*Du wirst sehen. Nicht meine Hand, die abfault.
Was auch immer hier vorgeht, es ist verdammt seltsam. Sie haben eine Art Festsaal hier genommen, Stühle und einen Tisch reingestellt - man trifft sich offenbar regelmäßig. In der Mitte eine Karte der Stadt, dazu jede Menge Modelle von Häuseern und Leute und all so etwas. Wer hat die Zeit, das zu schnitzen? Und dann Papier, beschrieben mit irgendwelchen Tabellen. Völlig unverständlich - Gebäude und Zahlen dazu, und kleine Beschreibungen. Was bei den Göttern soll ein "Badehaus, Ausbaustufe 4" sein? Z'gurushka meint, es würden Leute kommen. Ich bin einfach zu neugierig - wir bleiben hier, und sehen uns das an.
Wir haben's geschafft. Ich weiß immer noch nicht wie, aber wir haben es geschafft.
Es waren einige der mächtigsten Anführer hier, die sich getroffen haben. Waren sich offenbar so sicher, dass niemand von diesem Ort weiß, dass sie uns nicht bemerkt haben. Na, zu Anfang wenigstens, dann musste der verdammte Zwerg ja niesen.* Ich habe nicht wirklich verstanden, was sie da geredet haben - ich glaube, ich ahne jetzt, was das alles war. Sie wollten uns erst abstechen, natürlich, aber der Lange, mit der Glatze und dem Bart, er meinte, wir hätten bestimmt irgendwo Mitwisser. Habe ich natürlich gerne angenommen, und eifrig genickt. Er meinte dann, dass wir uns bestimmt einig werden könnten - na, das habe ich natürlich gerne angenommen. (Musste aber der Schwarzblut auf den Fuß treten, die sich mal wieder aufplustern wollte.**) Und weil ich so neugierig bin, habe ich eine vollständige Erklärung in die Abmachung mit reingenommen ...
* Schlechtes Bier in der Luft. Dagegen bin ich allergisch.
** Ist Orksache. Du verstehst nicht.
Er hat uns zuerst gefragt, was wir von dem "Großen Spiel" wissen - nun ja, kommt man auf diesem Kontinent natürlich nicht daran vorbei. Archonten und Nyamen und das alles. Sagte er dann dazu, dass ist nur die Spitze. Diese Elemente, die belohnen und bestrafen Siedler für ganz, ganz viele Dinge. Es gibt immer irgendwo ein Artefakt zu gewinnen oder ein Amt zu erwerben. Und mit der Stadt, da ist das nicht anders. Mehr als nur ein Spiel - eine ganze Kampagne. Das müssen die wohl mitmachen, wenn sie hier leben wollen - und das darf keiner wissen, weil sonst der schöne Traum von der Freiheit dahin ist. Das hat alles Regeln, und Vorgaben, und die seltsamsaten Bedingungen. Zum Beispiel, dass so eine Stadt nicht einfach so bewohnt werden darf. Da kann man manche Sachen nur machen, wenn man vorher andere gemacht hat. Zum Beispiel eine Schmiede nur bauen (oder einrichten), wenn vorher irgendwo eine Mine rumsteht. Macht keinen Sinn, ist völlige Zeitverschwendung, aber so sind die Regeln. Wie die andere, dass auf jedem Hof nur maximal sechs Schweine gehalten werden können. Oder, dass man irgendwo ein Rathaus braucht, und dass muss eine bestimmte Größe haben, bevor die Stadt ein Badehaus haben kann.
Na, und diesen Irrsinn irgendwie mit Blothgard in Übereinstimmung zu bringen, dafür ist diese kleine Gesellschaft da. Mit Gerüchten, Verboten, Bestechung und mal dem einen oder anderen Mord. (Wobei er meinte, da hätten sie ein wenig über die Stränge geschlagen). Dass die Spieler zufrieden sind, und die Regeln (so einigermaßen) befolgt werden. Und wenn wir dichthalten, dann könnten sie auch für uns ein paar Sachen drehen. Hab ich mir nicht zweimal sagen lassen, und eingeschlagen. Ich hab auch schon so ein paar Ideen ...
Hels Hallen, mein Kopf brummt immer noch. Aber ich soll mal wieder anfangen, was zu kritzeln, damit's schneller verheilt. Also ran. Was is eigentlich passiert? Alles voll hier, mit den Schmierereien von den anderen. Müssen ja'n dolles Ding gemacht haben.
Weil, als ich mal so langsam wieder klarkomme, da stehen die drei an meinem Bett, und sagen mir, das mit unseren Schulden, das wär jetzt geritzt. Die gibt's nicht mehr. In der Mine verstecken müssen wir uns auch nicht meh, weil der Ziegenpeter, der wär' wohl heute Abend, beim Kacken von irgend so 'nem Kerl erdrosselt worden. Mit Schnur, so richtig. Und sie könnten sich's nich erklären, weil, da in dem Loch, da wär' nur'n Kind ungesehen reingekommen, und das hätt' nich die Kraft gehabt. Nich, dasses noch wen wirklich interessiert, - die Drescher hauen sich jetzt untereinander. Werden's wohl nicht lange machen.
Also, mich legt's am Markt um, wo ich nur mal was besorgen gehe, mitten in der Stadt, und als ich aufwache, sind alle Schwierigkeiten erledigt. Das oll einer kapieren. Bestimmt nich mit dem Haufen. Die grinsen nur, wie die Verrückten.
Sollen wir ihm sagen?
Ich weiß nicht - vielleicht müssen sie ihn dann umbringen.
Na, das wäre ja eventuell ein Anreiz ...
Alle bekloppt! Ab morgen mach ich einfach wieder meine Arbeit, und stell keine Fragen mehr.
Olafs Saga - Woche 5
In einer Stadt von Helden, Kriegern, Magiern und Königen muss es auch jemanden geben, der die ganze wichtige Arbeit erledigt. In Blothgard ist das Olaf Heringstrypar, Unterster aus der wenig beachteten Sippe der Schuttabtransporandir – und dies ist seine Geschichte ...
Blothgard, 05. Blütenmond, 15 n. E.
Endlich Ruhe.
Ich mein, ich hab's wohl verdient, oder nicht? Geknechtet, ausgtetrocknet, verdroschen, durch stinkende Gänge gehetzt, abgefackelt, gebissen, als Köder benutzt, überschuldet, noch mehr verdroschen, beinahe abgestochen, gejagt, überfallen, niedergeknüppelt und immer wieder fast draufgegangen ... das wär genug, um den stärksten Mann umzuhauen. Und ich bin nur'n einfacher Mann, der mal seine Arbeit tun will, niemandem auf die Füße treten, und am Ende von dem Tag was Warmes im Bauch haben möchte und dass niemand auf einen losgeht. Die Abenteuer und Schlägereien und das Ganze, das können die großen Helden gerne für sich haben.
Also hab ich gesagt, als ich mal wieder aus dem Spital raus bin, zu den anderen, dass es jetzt wohl mal genug ist. Ich lass mich in nix mehr reinziehen, ich will nich reich werden, oder zurück in irgendeine Gruppe, oder ein großer Held, ich will hier einfach nur 'n gutes Leben. Wie's halt so geht, in 'ner Stadt ohne Wasser, aber mit viel zuviel Schnaps. Na, sie ham's eingesehen, am Schluss. Ich mein, kann ja wohl nich jeder 'n großer Krieger sein. Die brauchen nämlich auch was zu Essen auf'm Tisch und gute, feste Weände mit'm Dach drüber, und vielleicht noch genug Holz für'n warmes Feuer. Muss ja alles irgendwo herkommen. 'Ne ganze Stadt voll mit Kriegern, und Zauberern, Dieben, Priestern, Barden, Waldläufern, Barbaren und all sowas - das geht doch nicht. 'S braucht halt welche wie mich, die den ganzen Kram am Laufen halten.
Na, unsere Schulden sind weg - das war auch völliger Unsinn, gleich von vorne weg - unser Strafdienst in den Kanallöchern gleich mit, und wir können wieder machen, was wir wollen. Bargo will sehen, ob er nich doch genug Eisenwaren zusammenkriegt, dass er wieder Wände richten kan, Z'gurushka will sich 'ne Küche suchen, und 'n paar Vorräte eintauschen, und dann mal was Anständiges zu Essen verscherbeln (anständig für Schwarzblüter, heißt das), und Francesca meint, sie könnt wieder in ihre alte Gilde zurück, jetzt, wo die Stadt ihr'n Gefallen schuldet. Wollt' ja zuerst zu Manfred schauen, was der so treibt, aber dann dacht' ich mir - ne, ausbeuten kann ich mich selber. Also glaub ich, werd ich mich einfach mal umsehen. Schutt schaufeln und Beute schleppen für die ganzen Leute, die hier so sind. Ich mein, da kenn ich ja kaum welche ...
Für'n Anfang hab ich Francesca gefragt, ob ihre Gilde nicht noch zwei kräftige Hände braucht. Na, morgen geh ich dahin, und seh mir die mal an.
Olaf bei den Söldnern
Blothgard, 06. Blütenmond, 15 n. E.
Das ist schon ein merkwürdiger Haufen, zu dem mich Francesca da geschickt hat.
Der name, schon. "Söldnergilde" - bißchen protzig, als würd's nur eine geben. Und dann ham' sie wohl doch alle dem Pakt geschworen, aber das heißt ja wohl, dass sie für lau kämpfen? Kann ich mir bei dem Soldvolk, dass ich so kannte, nicht vorstellen. Und dann das Lager; die ham tatsächlich sich in 'ner Bücherei breitgemacht. Nicht nur Bücher, alles mögliches altes Zeug haben sie da, vor allem Schmuck und so kleine Statuen und Geschirr und Vasen, aus den Häusern hier. Vieles mit Gold und Silber ... das kann ich dann wieder verstehen.
Es ist trotzdem auf jeden Fall immer noch ein Kriegshaufen, also nicht gut darin, ihren Dreck selber wegzuräumen. Da komm ich dann ins Spiel. Hatte heut Gelegenheit, mich mal'n bißchen umzusehen. Neben dem Bücherhort (da lassen sie mich nur mit Wache rein, misstrauische Bande) haben sie noch 'n anderes Lager, in so zwei großen Häusern, mit Turm. Gute Übersicht, über die Oberstadt, leicht zu verteidigen. (Das passt dann wieder.) Sogar mit'm kleinen Garten dazwischen, für Grünzeug - kann man nur schwer per Schiff hierauf schaffen. Solange sie genug Wasser auftreiben können, ist das die Bande mit dem besten Essen im ganzen Viertel. Kann ja nur gut für's Anwerben sein.
Innendrin ... na, Söldner eben. Ich hab Rüstzeug eingesammelt, Betten gemacht, Lumpen und Müll rausgeschafft, Töpfe ausgekratzt, Stiefel gewienert, Kisten geschleppt und Mäntel ausgeklopft. Jetzt sieht's nach was aus Immer noch'n bißchen wild, aber so sind eben die Lager hier (und viele von den Gruppen sind da echt schlimmer). Hat was von'ner Kaserne, wie's das Stadtvolk hat, aber in 'nem Haus, das dafür viel zu fein ist. Für Sölnder schon'n echtes Luxusleben. (Anheuern lassen werd' ich mich trotzdem nicht - ich häng' an meinem Leben.)
Was Burschen und Mädels selber angeht ... 'n bißchen seltsam sind sie immer noch. Manchmal gucken die sich so an, so ganz kurz, oder bewegen sich so, irgendwie gleich, als ob'ses abgesprochen hätten. Der eine meinte mal zu mir, die wären ein ziemlich verschworener Haufen, aber ich weiß nich, irgendwas ist da seltsam.
Und dass der andere mir gesagt hat, er hätt seinen Gott in'nem Anhänger dabei, der würd mit ihm reden, und früher
wär' er mal unsterblich gewesen, aber jetzt häütt' er das hinter sich ... naja. Eben 'n merkwürdiger Haufen. Selbst für Söldner.
Olaf bei den O Kosh
Blothgard, 06. Blütenmond, 15 n. E.
Hab heute mal'n bißchen im Spital ausgeholfen. Ich denk, ich bin denen noch was schuldig.
Kann man sagen was man will, die Schwarzkutten machen ihre Arbeit. 'S ganze Haus unten ist voll mit Betten - naja, Pritschen - und sie kriegen die Leute schnell drauf und schnell wieder runter. Is eigentlich immer was los - Schlägereien in den Tavernen, wieder einer in'n Loch gefallen, Schlägereien auf dem Markt, schlechter Schnaps ausgeschenkt, Schlägerei wegen schlechtem Schnaps ... das ganze Zeug eben. Hab Liegen geschleppt, auch Leute, Eimer gehalten, Verbände gerollt, Boden geschrubbt, solche Sachen. Keine schlechte Arbeit. Gut, an den Geruch muss man sich erstmal gewöhnen. Stinkt gar nicht nach Blut, aber nach dem Zeug, dass sie überall draufwienern, wie starker Schnaps. Hab auch erfahren, das ist auch wirklich welcher, nur dass man ihn nicht trinken darf. Na, jetzt weiß ich, warum's abgeschlossen ist, und immer drei Leute drauf achten, was mit den Flaschen passiert.
Gibt auch ansonsten da so'n paar verschlossene Räume. Also, wie gesagt, unten sind Betten und 'ne Küche und Lager, und sowas - das war wohl mal'n alter Palast, das geht ewig so weiter mit Fluren und Höfen und überall diese Säulen unter den Dächern - aber oben und im Nachbarhaus haben die ihre eigenen Kammern. Da ist zwar auch erstmal, was man so erwartet, also Betten und Kisten und Tische, und sowas, aber zwei, drei Räume da sind immer zu. Keine Ahnung, was da drin is, sie ham' mich immer weggescheucht. Ich denk mir aber, dass die schon'n paar Geheimnisse haben. Da sind dann auch 'n paar Wachen, nich nur so Heiler und Helfer und Bodenschrubber wie ich, sondern welche in Rüstzeug und Wappen, die ham' das Scheuchen übernommen. Für Kriegsvolk ziemlich ruhig, stehn nur rum und gucken. Nich so wie Söldner oder Krieger.
Stehen auch mehr Bücher rum, als ich je an einem Ort gesehen hab'. Komisches Zeug ist da drin: So Zeichnungen von Knochen und aufgeschnittenen Leuten, ganz unheimlich. Viel in 'ner fremden Sprache, und was man lesen kann is auch ganz gestelzt und gedrechselt. Nich so wie 'ne anständige Saga. Überhaupt, gedrechselt sind die, als wär' der Pakt 'ne Kaufmannsversammlung mit Nonnenkloster. Nicht nur, wie die reden, auch was die tun - da müssen die wirklich so'n Papier bekritzeln, nur um mehr Nadeln und Besteck zu bekommen, oder die schreiben echt jeden Tag auf, wer reingekommen is, und was er gehabt hat. Völlig knülle.
War dann später auch mal unten. Zwei Stockwerke geht's rauf, in diesem Riesenhaus, aber unten, da geht's sogar drei tief! Die haben in die alten Höhlen runtergebuddelt, und da wird's dann aber mal wirklich verdreht. Weil, da ham' sich die ganzen Knochenschwinger und Zeichenmaler und Seher und Hexer hin verkrochen, und da wimmelt's nur so von verrücktem Zeug. Kreise auf den Böden, überall Kerzen, nich nur weiße, sondern auch schwarz und rot und grün, mit ganz seltsamem Licht, Schüre, an denen so Knochen hängen und Schädel und Flaschen mit buntem Wasser und ganz komisches Gerät. Ich könnt' auch schwören, da wär' immer mal wieder Blut auf den Kreisen.
Na, den Schwarzkutten gehört da nur so'n kleiner Teil. Isses, zugegeben, ordentlicher drin, als drumrum. Saubere Kreise im Boden und weniger Gebamsel. Aber Blut hab ich da auch gesehen, glaub ich. Und manche von den Zeichen, die da an den Wänden sind, also da tränen mir die Augen von. Sind auch wieder ziemlich viele Bücher da, und ich geb's zu, ich hab mal reingespitzt. Hauptsächlich Geschwafel, das keiner versteht, aber ab und zu sind da Zeichnungen von wirklich seltsamen Sachen. Also, Viecher zum Beispiel, die hab ich noch überhaupt nich gesehen, oder Leichen, die rumlaufen, oder irgendwelche Kreise und Zeichen, wie an den Wänden, aber da denkt man manchmal, die bewegen sich. In 'ner Seitenkammer, da war auch mal so'n Tisch mit 'ner kleinen Truhe, mit 'n paar Rollen, und die hatten beide, also Kammer und Truhe, verflucht schwere Schlösser dran. Nur, das jemand die offen gelassen hat- da hab ich doch auch nochmal reingespitzt. Manches konnte ich nich lesen, aber andere Sachen, das waren so Pläne, Befehle. Da war was über die Stadtverteidigung, was über das Wasser, und auch so'n paar Sachen über den Rat, und dass sie versuchen wollen, ihn 'n bißchen ordentlicher zu machen. Und da waren noch so'n paar versiegelte Umschläge, da standen Sachen drauf wie "Projekt Phönix Akata" oder "Notfallplan Kjeldor" oder "Geheimuntersuchung Hirschgott" - die hab ich mal lieber nich angetastet. Hab mich auch rechtzeitig wieder verzogen, weil, da hat dann so'n großes Weib mit Rüstung und Wimpel am Gürtel, mit ganz vielen Zeichen, also, der hat so'n kleinen Kerl richtig runtergeputzt, weil da die Tür offenstand.
Trotzdem ganz anständige Leute, denke ich. Die nehmen nie was dafür, dass die alle hier zusammenflicken, und ich denk mal, was die in ihrem Keller treiben, ist dann wohl ihre Sache.
(Originaltext: Simon Faber, 2018)